Es war einer jener trüben Nachmittage im Spätherbst, als ich, von einer diffusen inneren Unruhe getrieben, die weniger einem konkreten Anlass als einem über längere Zeit sich ansammelnden Druck entsprang, in der kleinen Bibliothek am Rand der Stadt Zuflucht suchte; einem jener Orte, deren stille Beständigkeit mir seit jeher als eine Art Schutzraum gegen das unaufhörliche Anströmen der Zeit erschienen, da sie aus dem Verkehr der Gegenwart herausgenommen ein eigenes, langsameres Zeitmaß zu führen scheinen. Die Bibliothek, ein wenig einladender Bau aus den fünfziger Jahren, dessen Fassade aus grauem Waschbeton bereits deutliche Spuren der Verwitterung trug, war an diesem Tag nahezu leer. Während ich durch die schmalen Gänge zwischen den Regalen ging, die in ihrer strengen Ordnung etwas Klösterliches ausstrahlten, hatte ich das eigentümliche Gefühl, mich durch sedimentierte Erinnerungen anderer Menschen zu bewegen, deren Spuren sich vermutlich in Form von Eselsohren, verblassten Bleistiftmarkierungen und vergessenen Lesezeichen aus alten Fahrkarten, Fotografien oder gepressten Blättern materialisiert hatten.
Ich erinnere mich, dass ich, ohne einen bestimmten Titel zu suchen, wahllos mehrere Bände aus Regalen zog, Reiseberichte, alte Lexika, eine abgegriffene Ausgabe von Ovids Metamorphosen, einige vergilbte Jahrgänge einer kulturhistorischen Zeitschrift, und mich schließlich an einen der langen Holztische setzte, deren Oberfläche von zahllosen, kaum noch lesbaren Ritzungen überzogen war, als hätten Generationen von Besuchern hier ihre Namen und Zeichen hinterlassen, um sich in dieser minimalen Form dem Vergessen zu entziehen. Dieser Ort zwischen Büchern und Papieren überraschte mich in einer Klarheit, dass mir der Gedanke kam, dass das menschliche Gedächtnis weniger ein Speicher als vielmehr ein ständiger Rekonstruktionsprozess ist, eine Art inneres Archiv ohne feste Ordnung, in dem Dokumente nicht abgelegt, sondern immer wieder neu geschrieben werden. Dabei bedeutet jede erneute Lektüre zugleich eine Überschreibung, die das Original unmerklich verändert, bis schließlich niemand mehr zu sagen vermag, wo das tatsächlich Erlebte endet und wo die Imagination beginnt.
Diese Einsicht verband sich in meinem Inneren mit einer Galerie von Bildern, die in einem endlosen Gang unbeschildert nebeneinander hingen: das Gesicht meiner Großmutter, die ich als Kind beobachtet hatte, wie sie alte Fotografien aus einer Blechdose nahm und sie in einer langsamen, beinahe rituellen Bewegung betrachtete, ohne je etwas dazu zu sagen; der Geruch eines lang unbesuchten Dachbodens, auf dem sich Koffer und Truhen stapelten, die frühere Generationen hier vergessen hatten; die Stimme eines Lehrers, der einmal im Unterricht gesagt hatte, Erinnerung sei nichts anderes als eine Form von Fiktion, die sich als Wahrheit verkleidet. In dieser stillen Bibliothek, umgeben von den Zeugen fremder Leben, begann ich zu begreifen, dass Erinnern und Vergessen zwei ineinander verschlungene Bewegungen sind, die einander bedingen, so wie Einatmen und Ausatmen, oder Licht und Schatten, und dass das Gedächtnis, dieses vermeintlich stabile Fundament jeder Identität, in Wahrheit ein fragiles Konstrukt ist, das nur durch permanente Erneuerung seine Form bewahrt.
Noch lange später sollte mich dieser Nachmittag verfolgen, als eine Art erstes Echo, als leise, kaum fassbare Gewissheit, dass mein Schreiben selbst vielleicht nichts anderes ist als ein Versuch, Ordnung in dieses unübersichtliche Archiv zu bringen, eine fragile, immer wieder scheiternde, aber dennoch notwendige Geste gegen das Überwältigtwerden durch die eigenen Bilder, Fragmente und Stimmen, die unaufhörlich aus der Tiefe des Gedächtnisses aufsteigen. Denn wahr ist, und daran zweifle ich heute nicht, dass man sich der Macht der Erinnerung nicht entziehen kann, sondern ihr nur eine Form entgegensetzen kann: die Schrift, die Erzählung, die langsame, tastende Bewegung des Denkens, die versucht, dem Ungeordneten eine Struktur zu geben, wohl wissend, dass jede Ordnung nur vorläufig ist und jede Erzählung bereits den Keim ihrer eigenen Verfälschung in sich trägt.
Neben diese Bibliothek lag ein altes Verwaltungsgebäude, ein dunkler Backsteinbau aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, an dem ich jahrelang achtlos vorbeigegangen war. Ein kleines Schild wies ihn als Depot aus – ausgelagerte Akten, vergessenes Material. Der Pförtner ließ mich ein, ohne viele Fragen zu stellen. Ich sagte, ich suche Unterlagen, deren Bezeichnung mir entfallen sei. Ihn schien diese Unbestimmtheit nicht weiter zu irritieren, sondern er wies mir lediglich den Weg zu einem der Magazine und überließ mich dort mir selbst, als sei es selbstverständlich.
Zwischen den endlosen Regalreihen, in denen sich Aktenordner, Kartons und lose gebündelte Papiere stapelten, stellte sich bald jenes Gefühl ein, das ich bereits aus meinen Träumen kannte: die Gewissheit, dass hier nicht nur Dokumente lagerten, sondern auch die Ablagerungen unzähliger Leben, Entscheidungen, Hoffnungen und Irrtümer, die sich in Schriftform materialisiert hatten und nun, ihres ursprünglichen Zusammenhangs beraubt, ein schweigendes Dasein führten. Ich zog wahllos einen Karton aus dem Regal und begann, seinen Inhalt durchzusehen. Es handelte sich um Korrespondenzen aus den fünfziger und sechziger Jahren, Anträge, Bescheide, handschriftliche Notizen am Rand, deren Verfasser längst tot sein mussten.
Je länger ich las, desto durchlässiger wurde die Grenze zwischen den fremden Stimmen und meinen eigenen Gedanken. Ich begann, Lücken zu schließen, mir Gesichter zu den Namen vorzustellen, Beweggründe zu entwerfen, Verläufe fortzuschreiben – nicht aus Neugier, sondern mit dem stillen Gefühl, dazu verpflichtet zu sein. Ein besonders schmaler Ordner enthielt nur ein einziges Blatt. Darauf der knappe, maschinenschriftliche Vermerk, die Akte sei unvollständig, fehlende Teile nicht mehr zu ermitteln. Mehr stand dort nicht. Dieser Hinweis, so banal er schien, traf mich mit Wucht, da er mir in seiner Lakonie mehr über das Wesen des Gedächtnisses zu sagen schien als all die ausführlichen Dokumente zuvor. Ich verließ an diesem Tag das Gebäude benommen und zugleich merkwürdig erleichtert, als hätte ich mich einer Wahrheit genähert, die sich nicht in Sätzen formulieren lässt. In den folgenden Tagen begannen Archiv und Traum sich zu überlagern. Ich war mir nicht mehr sicher, ob bestimmte Bilder aus meinen nächtlichen Visionen stammten oder aus den Magazinen des Depots, und gelegentlich hatte ich den Eindruck, als setzten sich meine Träume dort fort, wo ich tagsüber aufgehört hatte zu lesen.
Das Schreiben, das ich in dieser Phase beinahe zwanghaft betrieb, geriet mir mehr und mehr zu einem Protokoll dieses Schwebezustands. Ich notierte Beobachtungen, Erinnerungen, Träume, ohne sie zu ordnen, und ließ bewusst zu, dass Widersprüche und Brüche stehen blieben. In stillen Momenten, oft kurz vor dem Einschlafen, stellte sich der Gedanke ein, dass das Schreiben nicht der Versuch war, dieses Archiv zu beherrschen, sondern vielmehr eine Form des tastenden Mitgehens, ein stilles Einverständnis mit der Unabschließbarkeit dessen, was erinnert werden kann. Vielleicht liegt gerade darin eine Möglichkeit, sich der Überwältigung durch die eigenen Erinnerungen zu erwehren: nicht indem man sie fixiert, sondern indem man ihnen erlaubt, sich im Raum der Schrift zu bewegen, zu verändern, zu verschwimmen.
Mit der Zeit verlor ich auch das Bedürfnis, zwischen Traum, Erinnerung und Beobachtung zu unterscheiden. Die Kategorien, die mir einst geholfen hatten, meine Wahrnehmungen zu ordnen, erwiesen sich als zu grob, zu endgültig, als dass sie der feinen Verschiebung gerecht werden konnten, die sich in mir vollzogen hatte. Stattdessen begann ich, die Dinge nebeneinander stehen zu lassen, so wie sie sich zeigten, fragmentarisch, widersprüchlich, ohne Anspruch auf eine letzte Klärung. Ich ging weiterhin regelmäßig in das Depot am Rand der Stadt, nicht mehr mit der Erwartung, etwas zu finden, sondern aus Gewohnheit heraus. Der Pförtner nickte mir inzwischen wortlos zu, als gehörte ich zu den wenigen Konstanten dieses Ortes, und ich bewegte mich durch die Magazine mit der Vertrautheit eines Menschen, der weiß, dass ihn hier niemand sucht und niemand vermisst. Oft setzte ich mich einfach auf einen der niedrigen Hocker zwischen den Regalen und ließ den Blick über die beschrifteten Rücken der Ordner gleiten, als könne allein ihre Anwesenheit die Welt zusammenhalten. Manchmal stand ich auf, schlug eine Akte auf, las einige Zeilen und legte sie wieder zurück, ohne mir zu merken, worum es gegangen war. Die Inhalte bildeten allmählich einen einzigen, vielstimmigen Text, der weniger aus Fakten bestand als aus Spuren, Andeutungen und Auslassungen. In diesen Momenten war mir, als hörte ich ein Murmeln, ein kaum wahrnehmbares Echo jener Leben, die sich hier in Schriftform niedergeschlagen hatten und nun darauf warteten, noch einmal – wenn auch nur flüchtig – erinnert zu werden.
Mein eigenes Schreiben radikalisierte sich noch mehr. Die Notizbücher füllten sich zwar weiter, doch die Einträge wurden fragmentarischer, bisweilen nur aus einzelnen Sätzen oder Bildern bestehend, deren Zusammenhang sich mir selbst nicht immer erschloss. Ich hörte auf, Daten zu notieren, ließ Orte ungenannt, strich Namen durch, als wolle ich dem Text jene Unschärfe zugestehen, die dem Gedächtnis eigen ist. Es schien mir, als würde ich weniger erzählen als lauschen, als versuchte ich, etwas festzuhalten, das sich bereits im Verschwinden befand. In stillen Stunden, oft am frühen Abend, wenn das Licht sich veränderte und die Dinge ihre Konturen verloren, stellte sich gelegentlich eine milde Traurigkeit ein. Es war keine Trauer um etwas Bestimmtes, eher das Bewusstsein einer fortlaufenden Bewegung, in der alles allmählich an Schärfe verliert. Auch das, was sorgsam bewahrt wird, entzieht sich ihr nicht.
Die Frage nach einer Wirklichkeit verlor zunehmend an Bedeutung. Denn ob real oder imaginiert, die Wirkung war dieselbe: ein kurzer Moment der Verdichtung, in dem sich etwas zeigte, um sich im nächsten Augenblick wieder zu entziehen. Erinnern und Vergessen erschienen mir nicht länger als Gegenspieler, sondern als zwei Bewegungen desselben Stroms.
An einem der späten Tage des Winters, als feiner Schnee fiel, der sofort wieder taute, saß ich an meinem Schreibtisch und betrachtete die angesammelten Notizbücher. Ich hatte das Gefühl, dass sie weniger mein Leben dokumentierten als meine Versuche, mich dem Vergessen entgegenzustellen, wohl wissend, dass auch diese Aufzeichnungen eines Tages in einem Regal stehen würden, ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt, offen für neue, fremde Lesarten. Ich schlug eines der Bücher auf, las einige Zeilen und schloss es wieder. Es erschien mir nicht notwendig, weiterzuschreiben, und ebenso wenig notwendig, aufzuhören. Das Schreiben hatte seinen Zweck erfüllt, nicht indem es Klarheit geschaffen hatte, sondern indem es mir erlaubt hatte, mich in der Ungewissheit einzurichten. Vielleicht ist dies die einzige Form des Widerstands gegen die Übermacht der Erinnerung: das behutsame Mitgehen, das Anerkennen der Fragilität dessen, was uns ausmacht. Und vielleicht liegt gerade in dieser Haltung eine stille Form von Trost, die sich nicht aus Antworten speist, sondern aus der Bereitschaft, das Unabgeschlossene auszuhalten.
Als ich eines Abends das Licht löschte und den Raum verließ, blieb ein Notizbuch offen auf dem Schreibtisch liegen. Ein Luftzug aus dem geöffneten Fenster ließ die Seiten leicht anheben. Für einen Moment raschelten sie, als wollten sie sich selbst umblättern. Dann wurde es still.


Veröffentlicht in der Anthologie Regal 47 – Zugang nur bei Nacht, Martina Meier (Hrsg.), ISBN:  978-3-99051-498-6, S. 193-198.