Wie üblich saß ich am letzten Sonntag zu Mittag in meinem Stammcafé am Pfarrplatz in Linz an meinem Stammplatz, Tisch 21, von dem aus man einen guten Überblick über das ganze Lokal hat. Wie üblich an diesem Wochentag bestellte ich mein Gulasch mit kleinem Zwickl. Wie üblich musste ich nach dem ersten Schluck des Zwicklbiers, das in der Regel von den Kellnerinnen kurz nach der Bestellung gebracht wird, ein wenig auf das Gericht warten, das mangels Mikrowelle erst langsam in der Küche aufgewärmt werden musste – was nicht zuletzt zur hervorragenden Qualität beitrug.

Wie üblich an einem Sonntag war das Café bis auf den letzten Platz besetzt. Ich nutzte die Wartezeit, um die Besucher des Lokals zu mustern. Neben den Stammgästen, die ich beim Hereinkommen mit einem Nicken oder ein paar Worten begrüßt hatte, entdeckte ich auch einige mir unbekannte Gesichter. Am Nebentisch saß ein etwa fünfzigjähriger Mann, der einen Kaffee vor sich stehen hatte und etwas auf seinem Mobiltelefon erledigte.

In dem Augenblick, in dem mein Gulasch serviert wurde, holte der Mann einen Laptop – genauer gesagt ein MacBook – aus seiner Tasche, öffnete es und begann zu schreiben. An der Geläufigkeit dieser Tätigkeit erkannte ich, dass er darin sehr geübt war. Als ich etwa die Hälfte meines Gulaschs verzehrt hatte, waren bereits rund zwanzig Zeilen seines Textes entstanden.

Ich war neugierig geworden, unterbrach kurz das Essen und nutzte den dreifachen Zoom meines iPhones, um aus der Entfernung ein Foto des Geschriebenen zu machen. Dabei fiel mir auf, dass ein Wort vom Textverarbeitungsprogramm unterstrichen worden war. Ich zoomte mit Daumen und Zeigefinger weiter in die Aufnahme hinein. Das hervorgehobene Wort lautete „Migrationshintergrund“.

Migrationshintergrund

Nachdem ich mein Gulasch aufgegessen hatte, schien auch der Schreiber an ein Ende gekommen zu sein, denn er begann, Korrekturen an dem Dokument vorzunehmen. Ich nutzte einen Moment, in dem seine Hände den Blick auf den Bildschirm freigaben, um noch ein weiteres Foto anzufertigen.

Während ich auf meinen nach dem Mittagessen üblichen Kleinen Braunen wartete, ließ ich von der Texterkennung der Foto-App den Text erfassen und kopierte ihn in eine Mail, die ich an meine eigene E-Mail-Adresse schickte – eine Vorgehensweise, die ich häufig nutze, um spontane Ideen nicht zu verlieren. Aufgrund der nicht optimalen Aufnahme beziehungsweise der Schieflage des Schriftbildes enthielt der erkannte Text einige seltsame Wendungen wie: „Calps i caser co stse.serst on Cotes fir 0tice fle Mic Bu entatez Kate Fizse bakommen“.

Während dieser Gedanken hatte der Mann seinen Laptop geschlossen, in seiner Tasche verstaut und noch einen Kaffee – auf der ersten Silbe betont und mit kurzem „a“ – bestellt. Während er den ersten Schluck des Getränks zu sich nahm, ließ ich mir die Rechnung bringen und bezahlte. Als ich beim Verlassen des Lokals an ihm vorbeiging, trafen sich kurz unsere Blicke, und wir nickten uns spontan zu.

Zu Hause angekommen, vertraute ich die gesamte E-Mail mit den kryptischen Zeichen einer KI an, der es ohne Probleme gelang, den Text in eine korrekte Form zu bringen:

Kalte Füße bekommen
Es ist Samstagmittag, 12:15 Uhr. Ich stehe in Linz vor der Martin-Luther-Kirche am Martin-Luther-Platz. Gerade wollte ich auf mein Handy schauen, als mich eine Frau mittleren Alters mit Migrationshintergrund ansprach. Sie fragte mich, ob ich für sie eine Putzstelle hätte. Sie bräuchte dringend Geld; ihre Vermieterin habe sie zusammen mit ihren drei Kindern gekündigt. Um Essen und Toilettenpapier kaufen zu können, müsse sie putzen gehen. Ich erklärte ihr mehrfach, dass ich hier in Linz keine Wohnung habe und auch niemanden zum Putzen brauche. Schließlich bin ich ja nur zu Besuch, komme aus Deutschland. Außerdem, sagte ich, habe ich selbst kaum Geld. Das glaubte sie mir aber nicht und wurde zunehmend aufdringlicher. Die Frau packte mich an den Händen und drohte mir mit Gottes Strafe, falls ich ihr nicht helfen wolle. Das wirkte bedrängend. Um die Situation zu beruhigen, schlug ich ihr vor, mich zu begleiten – auf der anderen Straßenseite befand sich ein DM-Markt. Dort, sagte ich, könne ich ihr gern etwas Putzmittel kaufen. Sie ging tatsächlich darauf ein und begleitete mich in den Laden. Ich gab ihr einen Einkaufswagen, und sie begann sofort, ihn mit diversen Putzmitteln zu füllen. Das Toilettenpapier, das ich ihr ebenfalls kaufen wollte, befand sich im ersten Stock. Ich bat sie, beim Wagen zu bleiben, während ich es holen würde. Zunächst war sie damit einverstanden. Dann aber blickte sie immer wieder an die Decke des Marktes, wo Sicherheitskameras angebracht waren. Plötzlich sagte sie: „Ich warte draußen“ – und verließ eilig den Laden. Ich kam mit dem Toilettenpapier zurück, legte es in den Wagen und ging zur Kasse. Dort bezahlte ich mit meiner Bankomatkarte. Mit den Putzmitteln in Tüten und dem WC-Papier unter dem Arm trat ich hinaus ins Freie – doch die Frau war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Ich konnte es kaum fassen. Verblüfft und etwas ratlos stand ich da, mit meinen Einkäufen, die ich gar nicht für mich gedacht hatte. Das Putzmittel und das Toilettenpapier wollte ich nicht mit nach Deutschland nehmen. Also versuchte ich, sie weiterzugeben – sie zu verschenken. Doch das erwies sich als schwierig: Niemand wollte mein Geschenk annehmen. Schließlich gab ich beides, nachdem ich es mehrfach vergeblich versucht hatte, etwas fassungslos an eine Frau, die neben mir stand. Sie erzählte mir, dass sie in einer ähnlichen Lage sei wie ich – ebenso ratlos. Doch sie versprach, die Sachen an ein jüngeres Paar mit einem kleinen Kind im Kinderwagen weiterzugeben, das sie in der Nähe gesehen hatte.


„iPhone und MacBook sind eingetragene Markenzeichen der Apple Inc.“ ;-)