‘LANDSTRICH‘


Andersartig – eine Wortklauberei

landstrich-andersartigKann man sich anders als artig dem Andersartigen nähern?

Im Kompositum aus anders und artig ist ein ausschließender Komparativ verborgen, denn es lässt sich stets fragen: Anders als wer? Anders als wie? Aber vor allem: Anders als was?

Andersartig erzwingt einen Positionswechsel, zumindest einen Perspektivenwechsel, der stets die Kenntnis des Artigen voraussetzt, während im Andersartigen selber alles offen bleibt. Dem Andersartigen ist daher genuin Nebelartiges, (noch) Fremdartiges zu eigen, möglicherweise Bedrohliches, zumindest aber zu Erschließendes.

Am besten ist es wohl, andersartig zunächst im Raum stehen zu lassen.

Andersartig.

Vielleicht ist eine andersartige Annäherung, eine unartige gewissermaßen, zielführender. Was ist unartiger als etwas blitzartig zu trennen. Ohne tröstlichen Bindestrich.

Anders artig.

Zufallsartig mit dem anders beginnend: Anders bindet sich eher selten und vorwiegend in einem existenziellen, fundamentalen Zusammenhang an Anderes: andersgläubig, andersgesinnt, andersdenkend, andersseiend. Letzteres ist Heidegger geschuldet, um seinem Nichts nichtet ein Anders andert entgegenzusetzen.

Andersfarbig, anderssprachig, anders als politisch interpretierbar; lokal andersherum oder knapp andersrum, anderswo, anderswoher und anderswohin; vielleicht auch noch anderswie.

Das war’s dann auch schon. Fast. Erwähnenswert die immerhin im Duden zu findende alternative Verpartnerung mit dem Gearteten, der dynamischen Schwester des Artigen. Es bleibt in der Familie.

Artig hingegen legt sich promiskuitiv fast mit allem und jedem ins Bett, vorwiegend mit Substantiva, und zeugt dann aalartig bis zypressenartig einen Kosmos an Möglichkeiten. Kein Lebewesen, ob Tier oder Pflanze, bleibt von ihm verschont. Wobei artig in der Fauna eine Vorliebe für Unangenehmes wie Spinnenartiges, Wespenartiges, Wurmartiges, Krebsartiges, Raupenartiges oder Schlangenartiges entwickelt. Bei höheren Lebewesen bleibt offen, ob das Affenartige eher dem Menschen zukommt, oder ob es sich umgekehrt verhält.

Bei Dingartigem bleibt beinahe nichts – angefangen beim Atom bis zum Universum – verschont: baumwollartig, breiartig, faserartig, granitartig, grippeartig, gummiartig, holzartig, hügelartig, kegelartig, lawinenartig, lederartig, leinenartig, liedartig, mosaikartig, nebelartig, palastartig, pyjamaartig, rauchartig, roboterartig, schnupfenartig, seidenartig, wellenartig, wolkenartig, wollartig … Für ein solch blasenartiges Sammelsurium sollte man Nadelartiges bei der Hand haben.

Mit Antonymen kommt artig oft ins Straucheln, denn es verschmäht die Pendants zu großartig, gutartig, neuartig oder fremdartig. Derartig stehen diese isoliert im Raum. Ist artig aber dadurch schon einzigartig und nicht vielartig? Auch im Verschiedenartigen findet sich Gleichartiges.

Diese Polyamorie des Artigen will man seltsamerweise Kindern vorenthalten, denn im Erzieherischen hat artig die klar definierte Bedeutung von erwachsenenartig, denn nicht artig, verkürzt zum unartig, sind Kinder, wenn sie nicht den Vorstellungen ihres Edukans entsprechen. Für das Unartigsein steht die holprig gereimte Drohung im Raum, dass dieses Mal die Weihnachtsgeschenke ausbleiben: „Wenn die Kinder artig sind kommt zu ihnen das Christkind; …“*.

Manche schreiben artig einen Hang zur Heftigkeit, wenn nicht Aggressivität zu, wenn man an panikartig, fluchtartig, tumultartig und schockartig, aber auch krampfartig, triebartig, reflexartig, blitzartig, donnerartig oder gar schlagartig denkt.

Politisch manchmal unkorrekt hebt artig das Fremdartige hervor und meint damit auch Andersdenkende, Andersgesinnte oder Andersgläubige. Hier nähert sich das Artig dem Anders an. Haben Anders und Artig doch mehr gemein? Gibt es nicht auch das Abartige, Bösartige, Krebsartige, Schlagartige oder Schockartige?

Anders als stichwortartig kommt man dem andersartig nicht näher.

Artig ist wohl doch nicht so andersartig als anders.

Andersartig bleibt eigenartig.


* Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter, 1845.


In: Andersartig. Landstrich 2015, S. 4-5.

Bestellung beim Kulturverein Landstrich, A-4786 Brunnenthal, Reikersberg 16. Tel. +43(0)7712/2719.
http://www.landstrich.at/


Eine gelesene erste Fassung des Textes findet sich in der Sendereihe FEDERSPIEL – ab 8:50:

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„G und die W“-Rap

בראשית ברא אלהים את השמים ואת הארץ׃

Hat G die Fäden gezogen? Kosmische Strings?
Gestrickt? Gesponnen.
Orthografisch zwei G: אלהים
Kollektives Spinnen?
Virtuelle Stringspaltereien.
Bastelstunde mit Higgs-Bosonen.
Warum G und die W?
Konjunktionistisch: Mitgehangen, mitgefangen?
W mit Geschlechtswort, G geschlechtswortlos.
Genderei von Anbeginn?
GIn oder GInnen.
Also: warum UND?
G + W = Alles?
G – W? Alles Nichts?
Nichts nichtet; bekanntlich.
Allest alles? Alles allest? In der Raum-Zeit-Krümmung: Unendlich?
Singularitätisch macht G x W Sinn: Eins.
G / W? Homolog!
Eins! Nothing else: Eins!
Werbepausenfüllender ORF. PR für Monotheismus.
landstrich 2014G wie Goethe (bitte ankeuzen): Im Anfang war …
der Sinn,
das Wort,
die Tat,
die Kraft.
Allmächtiger! Zwei Buchstaben: Genesis dekonstruiert.
Bur-Malottke eliminiert G durch Dr. Murke.
– G -? Parenthetisch?
(G)? Geklammert?
Klammern gehen gar nicht.
G ausklammern?
Was hält die W zusammen?
G Î W
Doch eher G ∉ W
Vielleicht: G Ì W
Schöpfungsdefinition: G Þ W
Eher doch: W \ G
Woher – zum T – kommt der T?


In: Gott und die Welt. Landstrich 2014, S. 76-77. Transkription!

Bestellung beim Kulturverein Landstrich, A-4786 Brunnenthal, Reikersberg 16. Tel. +43(0)7712/2719.
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Landstrich: Privat

Landstrich Kulturzeitschrift Privat

Privat.Sphäre

Sie hatte ihn nach dreiunddreißig Jahren verlassen. Sie hatte ihn betrogen. Mit einer Jugendliebe. Nach Nächten der verzehrenden, selbstquälerischen Suche nach den Ursachen, hatte er zum ersten Mal wieder geschlafen, drei oder vier traumlose Stunden vielleicht. Er hatte es allmählich aufgegeben, jemals ein Antwort auf sein „Warum“ zu erhalten.
Er erhielt sie von einem EDV-Spezialisten des universitären Rechenzentrums, bei dem er nun saß.

Vor einigen Wochen hatte es an ihrem Laptop, den er ihr geschenkt hatte und der im Netzwerk ihrer Wohnung eingebunden war, ein technisches Problem gegeben. Sie konnte eine Email an ihre eigene Büroadresse nicht abschicken. Sie war darüber ärgerlich, als sie ihn weniger um Hilfe bat – sie ließ sich von ihm nur ungern helfen –, als einfach nur auf diese von ihr im Innersten ungeliebte Technik schimpfte. Wie immer reagierte er auf den Appell, der in ihrer Suada steckte und den er gewohnt war, früh zu erkennen.


Kubin-Haus Zwickledt, Wernstein

Präsentation der Landstrich-Ausgabe 2009 „Privat“ im Rahmen der Ausstellung Ingrid Pröller unter Mitwirkung von AutorInnen am Sonntag, 14. Juni 2009, 15 Uhr

Landstrich Kulturzeitschrift Privat
[Fotos: Maria Peer]

Landstrich Kulturzeitschrift Privat

Wilhelm Rager, Martin Ortmeier, Friedrich Hirschl, Werner Stangl, Reinhard Winkler, Adelheid Dahimène

Von der Präsentation der Landstrich-Ausgabe 2009 „Privat“ im Rahmen der Ausstellung Ingrid Pröller gibt es eine „Fotostrecke“ von Reinhard Winkler auf dessen Homepage: http://www.reinhardwinkler.at/

„Privat“ steht für persönlich, vertraulich, familiär, häuslich, nicht öffentlich – also für das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Jedoch der „gläserne Mensch“ ist längst kein utopisches Wesen mehr. Die modernen Arbeitstechniken führen häufig zur Durchdringung von Job und Privatleben. Datenschutzbeauftragte und Gesellschaftskritiker warnen vor dem Verlust der Privatsphäre durch Überwachungsmaßnahmen.
Im Sog des medialen Interesses verschwimmen die Grenzen zwischen privat und öffentlich. Nicht nur Prominente, auch Privatpersonen geraten plötzlich ins Rampenlicht oder drängen hemmungslos dorthin.
Die Bevölkerung scheint nach dem Motto „ich habe nichts zu verbergen“ bereit, unter den Augen ausgeklügelter Überwachungsmechanismen vermeintlich sicher zu leben. Wie sonst wäre es erklärbar, dass Privates in Talkshows, im Internet, in Boulevardblättern oder bei für jedermann hörbaren Handygesprächen bereitwillig preisgegeben wird.
Quelle: http://www.landstrich.at/


Bestellung beim Kulturverein Landstrich, A-4786 Brunnenthal, Reikersberg 16. Tel. +43(0)7712/2719.
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© Werner Stangl Linz 2018