‘Tier.Welt‘


Hirsch. Zur ewigen Ruh.

hirsch-ewige-ruh

Himmelwärts horchender Hirsch hofft heftig herrlicher Hinde.
Blaublühende Blumen beleben buschige Böschung.
Farnige Felsen folgen frech vorlauten Vorsprüngen.
Wilde Winde wabern wallend waldwärts, wo Waldes Wipfel weihevoll wogen.
Weißhintriger Hirsch halluziniert hemmungslos:
Hübsche Hirschkuh, hirsche hügelaufwärts!
Hört, hört! Hirschhungrige Hunde hecheln Hohlwege hinan.
Halali! Halali! Halalo!
Jagdgeile Jäger jauchzen jubelnd.
Jagdhunde jaulen.
Piff, paff, puff!


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Kaffee.Haus.Hund

Du liegst unter den Gesprächen
hingestreckt zwischen den gußeisernen,
antiken Christbaumständern gleichenden
Füßen der Kühle der Marmortische.
Auf Augenhöhe mit den Flip-Flops
und den ausgelatschten Pumps,
den Mokassins und verirrten Waldviertlern.
Schreckst auf beim klirrenden Fall
eines unsilbernen Tabletts
eines unachtsamen Piccolo.
Deine ewig feuchte Nase wittert
zwischen eilfertigen Schritten eines Herrn Johann,
der eigentlich Alexander heißt.
Oder Max.
Die Augenlider sind müde geworden
vom Zigarettenrauch und den Putzmittelrückständen
über dem schwarzgeölten Parkett.
Die wachen Ohren
bleiben unbewegt von der Monotonie.
Die Welt verhofft
einen kleinen Braunen lang.

kaffeehaus-hund


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Schmetterling

Wintertags unter dem Heizkörper
flehend-fliehendes Flattern
gleich dem Flügelschlag
des Schutzengels auf dem Bild der Kindheit.
So fand ich dich ängstlich suchend
nach dem Glanz der Sonne,
die kalt und klar vor dem Fenster stand.
Die Flügel von der Vergeblichkeit
zerzaust und müde.
Hilflos Hände und Gedanken.
Endlich.
Geborgen wie gefangen,
in der Höhle der Hände.
Zärtlich, allmählich ermattend,
dich in das Schicksal fügend.
Eine täglich erneuerte Schale mit Honigwasser
nah bei der Sommer camouflierenden Heizung
begleitete unsere Tage.
Im Gleichklang der Herzen
verband uns eine seltsame Sehnsucht
nach dem Frühling.
Mit Wehmut ersehnte ich den Tag,
an dem ein geöffnetes Fenster
dir eine wärmende Freiheit geben würde.
Der Winter war zu lang.
Ich hab dich beim ersten Gelb des Krokus begraben.

schmetterling


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© Werner Stangl Linz 2017