‘Tier.Welt‘


Wir putzten uns sieben Minuten lang ab *

Ich ging an einem schönen Frühlingstag mit Adele, meiner neuen Freundin, in Schönbrunn spazieren.
„Wir waren schon so lange nicht mehr im Tiergarten“, schlug sie eine Abwechslung vor.
Gesagt! Karten gekauft!
Es dauerte recht lange, bis mich Adele vom Bärengehege weglotste, denn das war für mich als Arktophilem ein Pflichtbesuch.
Elefanten, Nilpferde, das kreischende Affenhaus.
„Hast du gehört, sie haben für Lamas ein neues Freigehege angelegt. Das müssen wir uns anschauen.“
„Aber die spucken doch“, wehrte ich ab.
„Geh! Feigling!“
Als wir beim Freigehege ankamen, standen vier Lamas aufgereiht am Zaun, als hätten sie schon auf uns gewartet. Ein Lama nach dem anderen spitzte sein Maul …
Wir putzten uns sieben Minuten lang ab.


[Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=mgB6XoTs6OQ]


* 7-Minuten-Schreibübung im Rahmen des AutorInnenkreises FEDERSPIEL vom 17. Februar 2016 nach einer Idee von Ursula Hirtl.


[Verzeichnis der Texte]








Hirsch. Zur ewigen Ruh.

hirsch-ewige-ruh

Himmelwärts horchender Hirsch hofft heftig herrlicher Hinde.
Blaublühende Blumen beleben buschige Böschung.
Farnige Felsen folgen frech vorlauten Vorsprüngen.
Wilde Winde wabern wallend waldwärts, wo Waldes Wipfel weihevoll wogen.
Weißhintriger Hirsch halluziniert hemmungslos:
Hübsche Hirschkuh, hirsche hügelaufwärts!
Hört, hört! Hirschhungrige Hunde hecheln Hohlwege hinan.
Halali! Halali! Halalo!
Jagdgeile Jäger jauchzen jubelnd.
Jagdhunde jaulen.
Piff, paff, puff!


[Verzeichnis der Texte]








Kaffee.Haus.Hund

Du liegst unter den Gesprächen
hingestreckt zwischen den gußeisernen,
antiken Christbaumständern gleichenden
Füßen der Kühle der Marmortische.
Auf Augenhöhe mit den Flip-Flops
und den ausgelatschten Pumps,
den Mokassins und verirrten Waldviertlern.
Schreckst auf beim klirrenden Fall
eines unsilbernen Tabletts
eines unachtsamen Piccolo.
Deine ewig feuchte Nase wittert
zwischen eilfertigen Schritten eines Herrn Johann,
der eigentlich Alexander heißt.
Oder Max.
Die Augenlider sind müde geworden
vom Zigarettenrauch und den Putzmittelrückständen
über dem schwarzgeölten Parkett.
Die wachen Ohren
bleiben unbewegt von der Monotonie.
Die Welt verhofft
einen kleinen Braunen lang.

kaffeehaus-hund


[Verzeichnis der Texte]




© Werner Stangl Linz 2018