Dirk Schröder: Formen und Archivierung von Netzliteratur

Das Internet ist ein Archiv. Es wird von allen gepflegt.
Es wird genutzt. Es ist ein Gespraech in den Akten.
Das Internet ist kein Archiv. Schneiden wir es aus.
Legen wir es ab an einem anderen Ort.

Das Internet braucht ein Haus. Was im Internet steht,
steht im Regen. Der koennte es abwaschen.
Man kann es auch in die Tonne stecken.
Diese Tonne brauchen wir. Zumindest Kopien.

Maechtige Bibliothekare beschlagnahmen.
Koenige gewaehren ihren Kindern Zutritt.
Was an einem Ort versammelt ist, ist sicher.
Innerhalb der Palastmauern.
Draussen wuetet der Poebel, schreit.
Papageien zeichnen das auf.

Goetter schreiben nicht. Sie koennen sich erinnern.
Das Internet hat keine Goetter, das Internet
hat Menschen und die Menschen
werden Avatare, speien Bilder aus und Text und Ton.
Man will alles wissen, wer was treibt. Fuer spaeter.

Spaeter ist das Internet weg.
Schneller wird alles neu. ‚Das waren‘,
sagt man spaeter, ‚hundert spannende Jahre‘.
Das muss man immer wissen. Eine Frage
der Ehre und der Kostenloskultur.
Ruhm dem, der da bloggte,
Ruhm der, die da twitterte,
Ruhm allen, die woerterten zum Beispiel
durch Goethetum.

Namhafte zuerst. Und dann Erkennbare!
Gedichte enden immer etwas frueher,
Drehbuecher haben das im Untertitel,
‚Literarisches Blog‘ steht im Metatag,
Hyperfiction gibt’s bei Eastgate,
Buchautoren adressiert ein Logo,
Spiele sind Literatur, wenn die Autoren das sagen,
fuer die Schubladen gilt:
lyrische oder prosaische Iche
muessen geschoepft sein,
ueberhaupt, ueber die Hoehe entscheiden
die Spaeteren. Vielleicht.
Oder Schnappschuesse dabei,
Fotos sind immer Kunst.

Was publiziert ist, durch Netzbereit, folgt Regeln
unsres Presserechts. Das kann man abstrahieren.
Der Rest ist alles fein – oder privat.
Wer kann das wissen?
„Ich liebe dich, o Julia“ verlangt,
dass Julia nicht existiert. So heute.
Was wird morgen gelten?
Jahrzehnte hat es angedauert, bis einer Hoelder fand.
Den hatte Goethe laengst schon abgeschrieben.
(Wo Goethe irrte, duerfen wir kein Urteil wagen.)

Man muss das alles gut vergleichen.
Das koennen Roboter recht billig machen.
Was ist kopiert und abgeschrieben?
Bei Google Books Millionen Buecher
nach den Plagiaten scannen,
einen jeden halben Satz,
Netzliteraturen auch mit Links und Rechtschreibfehlern.
Die Saetze dann nach Haeufigkeit zu ordnen.

Ist das Zitierte auch mein Text?
Da kann man lachen aber –
was ist ein Bild,das jeder kennt, wenn man es nennt?
Und macht Literatur nicht nur das Konnotieren,
Names gedroppt, gehangen, angebunden?
Das Sichtbar werden lassen. Nur:
wie lagern, wenn von vornherein das Ganze
nicht zusammenhaelt?

Wie kommt die Textflut in die Schublade wieder hinein?
Wie kommt die Textflut in die Schublade wieder hinein?
Wie kommt die Textflut in die Schublade wieder hinein?

Wir wollen uns nicht wichtig machen.
Wir wollen Schaetze schenken.
Wenn Ausserirdische uns ueberleben, solln sie sehen,
dass wir auch belletristisch waren.
(Sie muessten einen Server in Costa Rica erreichen.
Der liefert eine besondere Art von Zufall dazu,
ein deutsches Genicht.)

Ich, zum Beispiel, habe keinen Text geschrieben.
So was spart Zeit.
Ich habe eine Browserweiche angelegt.
Jeder kriegt da gesagt, dass er den falschen hat fuer meinen Text.
Das ist frustrierend, vor allem fuer mich.
Ich das Skript erneuern aller Jahr.
Die Browser aendern sich so schnell.
Nicht fuer Nichtleser, die zu frustrieren, die
bleiben aus.
12 Jahre Internet und keiner sah.
Vielleicht ist das in tausend Jahren lustig?
Man muss es halten. Das
ist Spiessbuegers Pflicht, verdammte Schuldigkeit.

Wer aber haelt es aktuell, das kleine Spiel?
Das sollen die, die etwas davon haben sollen,
auch bezahlen, die Nachgeburt.
Die naemlich kriegen das Archiv geschenkt.
Auf dass sie immer schoene Arbeit haben.
Frueher staubten sie ab, schrieben sie ab.
Das koennen nun Maschinen uebernehmen.
Es werden aber beide Programmierer taetig.
So ein Archiv ist nicht mehr Tod und Staub
– es soll lebendiges Museum werden:
man zahlt, geht rein und Platzanweiser weisen ein.

Man muss nicht gehen. Man kann sich klicken
und schon sprechen bald, erkennbar nicken.
Dies Museum waere ueberall.
Zuerst durchs Internet zu finden.
Ein Extranetz fuer wie es frueher war.
Ein schoener Spass.
Das Wichtigste aber drucken wir.
Unzuverlaessig tut das die Jugend,
die die Gedichte mitnehmen will,
Kopierverbrecher,
verlaesslich der Plotter im Amt, das hat einen Stahlschrank dazu.
Wir kennen ja Millionen Leser und keinen,
dem der Tresor einfaellt.

Doch meinen keinen Text kann ich nicht drucken.
Nachbasteln koennte man, Umschlaege
mit zwei Gummibaendern, die sie ziehen,
das kaem dem nah.
Spaetere werden Besseres finden.
Das legt man nicht irgendwo hin,
da spielt mit jeder Datei ein Team Spezialisten.
Ich waere gerne dabei.

Vielleicht werd ich in meinem Grab ‚entdeckt‘.
Damit das moeglich wird, ist nach den Namen zu sortieren.
Das Erste: Literatur wird von Vereinzelten gemacht.
Plagiat mit P (dank Autokennung), Genial mit G.
Dann die Tabellen mit den Etiketten,
Textsort und Zeigbedarf,
Genre, Form und Unterhaltungswert
(man kann das alles ranken).
Beliebig mehr: ‚Ist Transzendenz dabei?‘,
’nichts Boeses nach dem Strafgesetz‘,
‚tauglich fuer Unterrichte‘, ‚Topp 402‘.

Oder nur die Volltextsuche? Finde
„random.pl“.

*
Gruesse, gruesse – wer? Egal.


Dirk Schröder in der Google Groups-Gruppe „Mailingliste Netzliteratur“ (netzliteratur@googlegroups.com) Tue, 14 Jul 2009 00:31:41

mlnl

[Bildquelle: http://netzliteratur.de/ 09-07-14]

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Zu “Dirk Schröder: Formen und Archivierung von Netzliteratur”

  1. ingo

    und wenn ich einst wandere im finsteren tal
    auf ewig die schnur dreh‘ in schröcklicher qual
    s‘ wird in mir sein – was ist und was war –
    der berg wars, die spitze,
    der blick in das tal

  2. west

    Das schönes Bahnbild verdankt sich dem Gedicht:
    http://hor.de/gedichte/louise_von_ploennies/auf_der_eisenbahn.htm

Dirk Schröder: Formen und Archivierung von Netzliteratur

© Werner Stangl Linz 2017