Krösswangs virtueller Donau.Strand

Krösswang stak in einem Zwiespalt. Einerseits hatte er nach den Ereignissen am Stefanitag des Vorjahres – er wäre beinahe in die eisschollenführende Donau gestürzt – den Brucknerpark nie wieder betreten, andererseits hatte er erfahren, dass dort vor dem Brucknerhaus ein Sandstrand angelegt werden sollte. Krösswang liebte es, am Strand zu liegen und Menschen zu beobachten! Da ein Besuch des Brucknerparks auf Grund seiner psychischen Gestimmtheit nicht in Betracht kam, suchte er nach einer anderen Möglichkeit, doch in den Genuss der Strandatmosphäre zu kommen. Sein Freund, dem er sein Dilemma erzählte, hatte eine Idee. Da inmitten des geplanten Strandes Eduardo Paolozzis donauwellenförmige Skulptur „Hommage an Anton Bruckner“ liegt, könnte man an dieser eine Kamera installieren, sodass Krösswang wenigstens alles miterleben könnte.

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Schon am nächsten Tag bestellte Krösswang über Amazon Argus 2.0, die kleinste und schärfste High Definition Überwachungskamera auf dem Markt, die sein Freund alsbald in einer windigen Frühlingsnacht installierte. Zum Glück wies Paolozzis Skulptur aus verrostetem Stahl breite Spalten auf, sodass eine unsichtbare Montage möglich war, wobei Batterie und Basisstation in einer zusätzllichen rostigen Welle auf der Skulptur Platz fanden. Wohl nur Paolozzi selber könnte diese Ergänzung seines Kunstwerkes entdecken, doch der war seit zehn Jahren tot. Knapp nach Mitternacht empfing Krösswang die ersten Bilder auf seinem Computer. Außer einem Betrunkenen, der im Schatten der Skulptur seine Notdurft verrichtete, ereignete sich in dieser Nacht nichts.

In den folgenden Wochen konnte Krösswang kameranah miterleben, wie mit Baggern der Rasen abgetragen, von LKWs Sandfuhren abgeladen und von Baggern über der Fläche verteilt wurden. Krösswang saß stundenlang vor seinem Monitor, Höhepunkte blieben jedoch aus. Abwechslung brachten Hunde, die den Sand für die üblichen Geschäfte nutzten, kopfschüttelnde Rentner und japanische Touristinnen, die Selfies mit Linzer Strand schossen.

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Eher im Hintergrund blieben keuchende Jogger, kinderwagenschiebende Großmütter, fußgängerverklingelnde Radfahrer – kurzum, das übliche Brucknerparkpersonal. Zum Glück war Argus 2.0 mit einem Bewegungssensor ausgestattet, sodass nur vehemente Aktivitäten den Ruhezustand des Computers deaktivierten und Krösswang aktivierten.

Um für den kommenden Strandbetrieb gerüstet zu sein, begann Krösswang das selten benutzte Gästezimmer für seine Linzer Strandaktivitäten vorzubereiten. Er räumte alle Möbel in den Keller und ersetzte diese durch Liegestuhl und Sonnenschirm. Das einzige Fenster dunkelte er mit Klebefolie ab. An der Decke installierte er einen Beamer, mit dem er die Bilder vom Sandstrand an die Wand projizieren konnte. Eine programmgesteuerte LED-Lampe rückte den Raum in Abhängigkeit von der Tageszeit in das entsprechende Licht. Krösswangs Vorfreude erreichte ihren Höhepunkt, als ihm sein Freund zwei Kübel mit Linzer Originalstrandsand mitbrachte, den er sogleich mit einer kleinen Schaufel um Liegestuhl und Sonnenschirm verteilte.

Am Tag der Eröffnung fand sich Krösswang schon lange vor dem offiziellen Termin in Badehose, Badeschuhen, mit Handtuch und Sonnenöl bewaffnet an seinem Privatstrand ein. Krösswang schaltete Argus 2.0 auf Dauerbetrieb, die aber aktuell mehr oder minder nur regelmäßige Tropfgeräusche übertrug, da es in Linz seit Stunden regnete. Krösswang hatte übrigens zur optimalen Synchronisation der Strände kurz an eine Sprinkleranlage gedacht, diese Idee aber aus Rücksicht auf den unter ihm wohnenden Freund verworfen. An Krösswangs Strand sollte immer die Sonne scheinen. Um die karibische Atmosphäre zu unterstützen, lieferte ein mp3-Player dezentes Meeresrauschen.

Krösswang sah, dass man auf dem Strand ein Rednerpult aufgebaut hatte, neben dem ein Sonnenschirm platziert war, der jetzt als Regenschirm diente. Hie und da huschte jemand mit einem Regenumhang vorbei. Krösswang gähnte und holte aus der Kühltasche den vorbereiteten Batida de Côco. Mit Genugtuung registrierte Krösswang das Knirschen des Sandes unter seinen Badeschuhen. Er nippte am Getränk und starrte auf die Wand, auf der kontrastierend zu seiner LED-Sonne nur ein fahler Regenschleier zu sehen war.

Es war unentscheidbar, ob es dem kubanischen Rum, dem Meeresrauschen oder dem Rhythmus der Regentropfen geschuldet war: Krösswang war eingeschlafen.


Dieser Text fand bei der Jury der Leseregatta 2015 des Linzer Frühling zum Thema „Strand/stranden/Strandgut“ leider keinen Gefallen!

::: Satire

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Krösswangs virtueller Donau.Strand

© Werner Stangl Linz 2017