‘Dichtung‘


Scham.Los.Fragen

Ist es schamlos, wenn in Chamonix Champagnerkorken knallen?
Warum starb Adelbert Chamisso ausgerechnet in Châlons-en-Champagne?
Warum verzehrt kein Franzose schamvoll sein Jambon-Baguette?
Warum wird Chamois-Leder im Sonnenschein brüchig wie Schamott?
Warum treibt das G’schamster Diener manchen Schamesröte in die Wangen?
Weshalb brach sich der Erzengel Chamuel ausgerechnet das Schambein?
Was tun, wenn man in Cham ein Schamhaar in der Suppe findet?
Weshalb wachsen manchen Champignons am Schamhügel?
Warum überschreiten Schamanen häufig Schamgrenzen?
Mit welchem Shampoo wäscht man am besten das Schamhaar?
Und überhaupt: Wie kommt Bechamelsauce an die Schamlippen?

 

„Bestimmt nächste Woche!“

Wie jeden Freitagabend saß sie am Küchentisch ihrer Zimmer-Küche-Wohnung, vor sich einen Stapel bunter Prospekte. Sorgfältig hatte sie jeden Tag die Werbungen der Supermärkte ihrer Umgebung aus den Post-Kuverts genommen und mit Anmerkungen versehen, wenn ihr ein Sonderangebot ins Auge gestochen war. Nun ordnete sie die Prospekte vor sich auf dem Küchentisch und verglich die Preise. Zuvor hatte sie eine Liste jener Lebensmittel gemacht, die sie mit ihrem Sohn in der nächsten Woche verbrauchen würde.

Mit der Zeit hatte sie eine Strategie entwickelt, um nicht den Überblick zu verlieren. Das war gar nicht so einfach, da die Handelsketten unterschiedliche Reihenfolgen in den mehrblättrigen Prospekten verfolgten. Oft waren die Getränke auf der ersten Seite, weil diese als Anreiz dienen sollte, mit besonders niedrigen Preisen die Mitbewerber auszustechen, manchmal auch die Süßwaren oder die Sonderangebote von der Wursttheke. Schwierig war der Vergleich auch dadurch, dass die groß ausgezeichneten Preise erst bei Abnahme größerer Mengen galten, was nur aus dem darunter stehenden Kleingedruckten zu erkennen war. Manchmal hatte sie erst am Regal im Supermarkt entdeckt, dass Großpackungen teurer waren als die gleiche Menge in Einzelpackungen. Oder dass manches Sonderangebot nur von Montag bis Donnerstag galt, dass es also am Samstag, dem Tag ihres Wocheneinkaufs, nicht mehr gültig sein würde.

Als Alleinerziehende mit einem kleinen Gehalt kam sie gerade so über die Runden und gegen Ende des Monats war es meist unmöglich, sich oder ihrem Sohn den Luxus einer Tafel Schokolade oder eines Päckchens Gummibären zu vergönnen.

Als sie ihren Einkaufsparcours – so bezeichnete sie scherzhaft den Weg von einem Supermarkt zum nächsten – fertig geplant hatte, stand sie mit dem Gedanken vom Küchentisch auf, dass sie dieses Mal wieder den bittenden Blicken ihres Sohnes an der Supermarktkasse auf die zugriffsheischenden Süßigkeiten ein „Bestimmt nächste Woche!“ erwidern wird müssen.

Zwischen den Bildern

Galeriebesucher gehen von Bild zu Bild, von Objekt zu Objekt. Wenn sie davon berichten, dann erzählen sie, wie viele Bilder sie gesehen haben, welche sie beeindruckt und welche ihnen weniger gefallen haben.
Doch was geschieht zwischen den Bildern? Was passiert mit dem Raum dazwischen? Überspringen ihn die Augen und Gedanken einfach? Ist es ein bloßes Inzwischen, nur Leere, gar Vakuum?
Verarbeitet das Gehirn derweil das Gesehene, das Empfundene und legt es als Erinnerungen in den Windungen der grauen Masse ab?
Schaltet das Gehirn auf Leerlauf, leert es sich aus, um für neue Eindrücke bereit zu sein?
Am ehesten bewusst werden Zwischenräume, wenn die Hängung zu eng war. Doch auch hier rückt der Zwischenraum nur in Form seiner Negation ins Bewusstsein, nicht in Form seiner zweifelsfreien Existenz. Manchmal auch gestört durch rote Punkte, kaum lesbare Schilder, Preisauszeichnungen.
Trennt der Zwischenraum oder verbindet er die Bilder? Zwischenraum kann eine Brücke über den Bilderfluss sein, aber manchmal auch ein fehlender Übergang – eine Furt, die man nicht trockenen Fußes durchschreiten kann. Die Schuhe werden dabei nass und hinterlassen auf dem Weg zum nächsten Bild deutliche Abdrücke, Pfützen am Boden der Galerie. Der Zwischenraum ist nie ein reißender Fluss, eher ein stilles Wasser, eine Lache, in der sich das Gesehene spiegelt, doch in der Bewegung des Durchschreitens verschwimmt das gerade Betrachtete und enthüllt Neues, fließt als flirrendes Nachbild hinein ins nächste Bild.
Was wäre, wenn es überhaupt keinen Zwischenraum gäbe? Bild an Bild reihte sich, Bilder gingen ineinander über, atemlos, keine Verschnaufpause für Impressionen. Gleichermaßen ein vom Künstler wohl ungewollter Film böte sich. Man stelle sich eine Galerie ohne Zwischenräume vor: alle Exponate verschmölzen zu einem einzigen. Schande über den Galeriebesitzer oder den von ihm beauftragten Kurator, die Kuratorin. Fluch dem Hänger, der Hängerin.
Allmählich sollte es Galeriebesuchern dämmern, wie bedeutsam dieser Zwischenraum ist.
Grundsätzliches drängt sich schließlich auf: ist Zwischenraum überhaupt Raum? Ist es nicht eher Zeit? Ist es vielleicht diese vierte Dimension, in der Raum und Zeit einander begegnen?
Einerlei: man sollte dem Zwischenraum achtsamer begegnen.

zwischenraum


[Verzeichnis der Texte]

© Werner Stangl Linz 2017