Philemon.Baucis.Ausgeträumt

Wenn du einsam bist,
sollst du unter Menschen gehen,
sagt man.
Doch bist du unter Menschen,
dann siehst du Paare,
alte wie junge,
doch vor allem die alten,
und alle erzählen dir
von der Möglichkeit eines Glücks,
das dir nicht beschieden.
Ausgeträumt dein ew’ger Traum
von Philemon und Baucis …

Jeder Kuss
ist ein Stich in dein Herz,
jede Umarmung schreit:
Warum nicht wir?

Um nicht an deinem Schmerz
zu verzweifeln,
fliehst du in deine Einsamkeit.
Dort sieht keiner deine Tränen.
Und du zerschlägst alle Spiegel,
um die Stille zu zerstören,
um dir in deinem Elend
nicht zu begegnen.


[Verzeichnis der Gedichte]

… ::: Wende.Zeiten

Zu “Philemon.Baucis.Ausgeträumt”

  1. Kurt Tucholsky

    Aus!

    Einmal müssen zwei auseinandergehn;
    einmal will einer den andern nicht mehr verstehn –
    einmal gabelt sich jeder Weg – und jeder geht allein –
    wer ist daran schuld?

    Es gibt keine Schuld. Es gibt nur den Ablauf der Zeit.
    Solche Straßen schneiden sich in der Unendlichkeit.
    Jedes trägt den andern mit sich herum –
    etwas bleibt immer zurück.

    Einmal hat es euch zusammengespült,
    ihr habt euch erhitzt, seid zusammengeschmolzen und dann erkühlt –
    ihr wart euer Kind. Jede Hälfte sinkt nun herab:
    ein neuer Mensch.

    Jeder geht seinem kleinen Schicksal zu.
    Leben ist Wandlung. Jedes Ich sucht ein Du.
    Jeder sucht seine Zukunft. Und geht nun mit stockendem Fuß,
    vorwärtsgerissen vom Willen, ohne Erklärung und ohne Gruß
    in ein fernes Land.

    (1930)
    Gedichte und Lieder von Kurt Tucholsky. Gesammelte Schriften (1907-1935)

  2. Philemon

    Ovid erzählt in den Metamorphosen den Besuch des verkleideten Zeus und seines Sohnes Hermes in einer Stadt, die beiden Wanderern keinen Einlass gewährt. Allein Philemon und seine Frau Baucis, ein betagtes Ehepaar, das in einer Hütte am Stadtrand lebt, übt Gastfreundschaft und bewirtet sie mit allem, was sie haben. Die Götter belohnen die beiden Alten für ihre Gastfreundschaft, indem sie ihnen ihren sehnlichsten Wunsch, sich niemals trennen zu müssen, erfüllen, indem sie beide am Ende ihres Lebens in zwei ineinander verschlungene Bäume verwandeln, Philemon in eine Eiche und Baucis in eine Linde.

Philemon.Baucis.Ausgeträumt

© Werner Stangl Linz 2017