Meine Schatztruhe

Erinnerungen sind trügerisch, aber in diesem Fall bin ich mir sicher: Ich muss so viereinhalb oder fünf Jahre gewesen sein, als ich lernte, das Wort Gold mit etwas Konkretem zu verbinden. Zwar kannte ich das Wort aus den Märchen, die mir meine Mutter vorlas, denn da war von Gold die Rede, das man aus Stroh spinnen kann, von goldenen Schätzen, die von seltsamen Wesen bewacht werden, und von vergrabenen Truhen voll Gold und Edelsteinen.

Als meine Großmutter aus dem Provinzdorf in der Nähe von Wien auf Besuch kam und mit meiner Mutter in der Küche sitzend ein Armband zeigte, das mein Großvater für sie verfertigt hatte, konnte ich Gold mit etwas verbinden, das man sehen und angreifen kann,
Mein Großvater besaß in dem Dorf einen Laden in der Hauptstraße, in dem unzählige Uhren ringsum an den Wänden hingen, und in dem er den ganzen Tag lang an einem von einer hellen Lampe erleuchteten Tisch mit allerlei Gerätschaften hantierend saß, im rechten Auge ein rundes Ding eingeklemmt, das ich später als Uhrmacherlupe kennenlernte. Ich wusste zwar, dass er „Juwelier und Uhrmacher“ war, konnte aber mit dem ersten Begriff nichts verbinden. Mit ihm verband ich diesen immer ein wenig nach Benzin riechenden dunklen Raum mit seinem vielstimmigen Ticken und Tacken, vor allem aber mit einem beinahe furchteinflößenden Schlagen der Uhren zur vollen Stunde. Mein Großvater nickte befriedigt, wenn keine der Uhren zu früh oder zu spät geschlagen hatte.

Meine Eltern und ich bewohnten in Wien eine Zimmer-Küche-Wohnung und dort gab es fast nichts, das mir verborgen blieb. Meist saß ich bei den Gesprächen der Erwachsenen, die diese vorzugsweise am Küchentisch sitzend führten, bei der meist angelehnten Tür zum Zimmer und lauschte. Manchmal lugte ich um die Ecke, wenn die Erwachsenen längere Zeit geschwiegen hatten. Da sah ich jenes Armband und hörte, dass es aus Gold und sehr wertvoll wäre. Das also war Gold. Etwas Gelbes, etwa Glänzendes.
Ich erfuhr später, dass auch der Ring, den meine Mutter und mein Vater an ihrer rechten Hand trugen, aus Gold war, aber diese Ringe glänzten bei weitem nicht so wie dieses Armband. Und sie waren auch sicher nicht so wertvoll. Erst später erfuhr ich, dass meine Mutter zwar auch Schmuck aus Gold besessen hatte, doch nach dem frühen Tod meiner Schwester hatte sie beschlossen, ihn nie mehr zu tragen. Das war alles vor meiner Geburt gewesen und hat sich mir erst sehr viel später erschlossen. Es ist schwierig, das selbst Erlebte von dem später Erzählten zu trennen.

Da ich in meiner Kindheit viel Zeit bei meiner Tante verbrachte, die im selben Haus bei ihrem Vater lebte, erzählte ich ihr von dem Armband. Ja, auch sie hatte Schmuck aus Gold besessen, aber ihr Schmuck wäre mit allem Hab und Gut bei einem Bombenangriff in den letzten Kriegstagen verloren gegangen. Und da sie die meiste Zeit arbeitslos war, sei ihr nur der schmale Ehering geblieben, den sie bis zu ihrem Tod trug. Der Mann meiner Tante war im Krieg geblieben, auch wenn sie viele Jahre hoffte, dass er doch irgendwann zurückkehrte.

sand

So kam es, dass ich mich für Gold zu interessieren begann. Von meinem Vater erfuhr ich, dass man Gold in der Erde finden könne, vor allem im Sand von Flüssen, es wäre aber auch überall auf der ganzen Welt verstreut. Und dass man sehr viel Glück haben müsse, um Gold zu finden. Aber es sei bestimmt da, meinte er. Er zeigte mir in einem Buch eine Zeichnung, auf der man Menschen mit großen flachen Schalen oder Sieben sah, die Berge von Sand auf der Suche nach Gold durchsuchten. Mein Großvater mit den vielen Uhren schließlich erzählte mir, dass man auf diese Weise viele kleine Goldklümpchen sammelt und über einem sehr heißen Feuer flüssig macht, um dann daraus Schmuck zu erzeugen.

Daher kam es, dass ich mich auch auf die Suche machte. So erforschte ich die Sandkiste im Hinterhof unseres Wohnhauses, die mir allein gehörte, denn neben meiner Familie lebten in dem Haus nur ältere kinderlose Frauen, deren Männer alle im Krieg gefallen waren. So genau wusste ich das damals natürlich nicht, sondern ich genoss einfach die Aufmerksamkeit und Zeit dieser Frauen, die sie einem Kind meines Alters wohl gerne zukommen ließen. Einer dieser Frauen – wahrscheinlich war es die Schwester meines Großvaters – luchste ich ein Teesieb ab, mit dem ich meine zunächst erfolglose Suche in der Sandkiste vorantreiben konnte. Viele Stunden, ja Tage verbrachte ich damit, den Sand der Sandkiste durch dieses Sieb rieseln zu lassen. Hie und da glitzerte etwas in meinem Sieb, das ich vorsichtig herausholte und in einer noch ein wenig nach Tabak duftenden Zigarrenschachtel des Großvaters sammelte. Kleine winzige Plättchen und auch kleine glitzernde Steinchen, die unter den anderen Sandkörnern herausstachen. Da ich alle überraschen wollte, vertraute ich mich nur meiner Tante an, der ich jeden Abend nach getaner Arbeit meine Schatztruhe zur sicheren Verwahrung übergab.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage ich damals mit der Suche nach Gold beschäftigt war, denn gerade bei Zeiträumen der Kindheit trügt die Erinnerung am leichtesten. Jedenfalls hatte ich schließlich wohl einen Teelöffel voll glitzernder Steinchen gesammelt, die ich meiner Mutter zu ihrem Geburtstag schenken wollte. Ich weiß noch, dass die Papierschleife, die ich gemeinsam mit der Tante um meine Schatztruhe band, rot gewesen war.

Und ich sehe heute noch das überraschte Gesicht meiner Mutter, als sie die Zigarrenschachtel öffnete, während es aus mir heraussprudelte, dass ich ihr dieses Gold schenken möchte, damit sie sich auch so ein Schmuckstück wie das meiner Großmutter anfertigen lassen könnte.
Ich war in diesem Augenblick so voll Glück, wie vielleicht später nie mehr in meinem Leben. Voll von jenem Glücksgefühl, dass man empfindet, wenn man einem wichtigen Menschen eine Freude machen kann. Und ich war so voll von Gefühlen, dass ich mich auch nicht mehr daran erinnern kann, was meine Mutter sagte, als sie mich in ihre Arme schloss.

Sie verstaute danach die Schatztruhe wohl ganz oben im Wäscheschrank, wo ich sie erst nach dem Tod meiner Mutter wiederfand. Die rote Schleife war noch sorgsam darum herumgewickelt. Als ich die Schleife löste und die Zigarrenschachtel öffnete, die nun nach Lavendel duftete, den meine Mutter jedes Jahr im Wäscheschrank erneuert hatte, und mit den Fingern über die winzigen Plättchen Glimmer, die kleinen Splitter aus Glas und einige Kügelchen aus Silberpapier strich, da spürte ich wieder die Umarmung meiner Mutter.

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© Werner Stangl Linz 2020