Noch legt die Nacht ihre schwarze Decke über die Stadt, die die Stunden in sich aufsaugt, in denen alles durchscheinend wird, jeder Zweck seine Konturen verliert. Mein Name, meine Geschichte löst sich in dem feuchten Dunst auf, der von der regennassen Fahrbahn aufsteigt. Über der Straße die Bürohäuser, tagsüber Orte der Ordnung, der klaren Zuständigkeiten, dunkle Skelette, hohl und gleichförmig. Die Fenster schwarze Löcher, die nichts mehr preisgeben. Im Licht des Tages wäre ich jemand, an dem man vorbeisieht. Aber diese Stunde kennt keine Schubladen, die Nacht hat ein Loch in die Welt gerissen, und alles, was man tagsüber zu sein glaubt, fällt hindurch.

Die Straße gehört mir, der Asphalt glänzt wie schwarzes Öl unter den weit auseinander stehenden Laternen, deren Licht sich allmählich in den Pfützen verliert. Es riecht nach feuchtem Beton, nach Benzin, nach etwas Metallischem, das der Regen zurückgelassen hat. Mit ihren geschlossenen Rollläden wirkt die Stadt wie eine Kulisse, eigens für diesen Zustand errichtet. Irgendwann scheinen die Mauern im Takt meines Atems leicht zu schwanken. Ich werde zu einer Fremden in meiner eigenen Haut, zu einer Wanderin zwischen den Welten.

Autos gleiten vorbei wie träge Fische. Im Licht des Tages würde keiner dieser Männer hier anhalten. Ich bin die Wächterin über ihre Sehnsüchte. Ich sehe das Verlangen in ihren Augen, das sie bei Tageslicht so sorgfältig verbergen. Da folgen sie Plänen, Terminen, geschützt hinter unverfänglichen Fassaden. Aber die Nacht lockert das Gefüge, sie macht weich, was kurz zuvor noch fest erschien. Was am Nachmittag noch verboten oder seltsam war, fühlt sich jetzt plötzlich wahr an. Und ich stehe mitten in diesem Sog. Es ist eine seltsame Art zu warten. Mein Körper bleibt ruhig, angelehnt an den kalten Stein, während in manchen Augenblicken in mir alles bebt. Ich fühle mich hellwach und doch mir selber fremd, als würde ich über der Szene schweben und jedes Detail aufsaugen: das Zischen der Reifen, die tanzenden Staubkörner in den Lichtkegeln, das ferne Summen der Stadt. Ruhig und atemlos zugleich.

Ich warte auf das nächste Motorengeräusch, das nächste Fenster, das sich herunterschiebt. Wieder tauchen zwei Lichtpunkte auf. Sie kommen langsam näher, zögerlich fast. Das Geräusch der Reifen schwillt an, füllt meine Stille aus, die mich wie ein Haus umfangen hat. Ein dunkler Wagen bremst, die Scheinwerfer tasten mich ab wie blasse Finger, fangen meine Beine ein, bevor das Licht erlischt und nur noch das rötliche Glimmen des Standlichts bleibt. Ich sehe den Fahrer nur als Silhouette. Ich spüre die Blicke hinter der getönten Scheibe, noch bevor ich ein Gesicht sehen kann. Und doch weiß ich, was er sucht. Kein Gespräch. Keine Geschichte. Nur diesen einen Riss im eigenen Leben. Das Surren des Fensters, das sich senkt, durchschneidet den Augenblick. Warme Luft schlägt mir entgegen – Leder, Parfum, die nervöse Ausdünstung eines Mannes, der weiß, dass er gerade eine Grenze überschreitet. Nicht zum ersten Mal.

Wir sehen uns an. In seinen Augen spiegelt sich die absurde Banalität dieses Augenblicks. Ich beuge mich leicht vor, lege die Hand auf das kühle Metall der Tür, die durch den Motor unter meinen Fingern vibriert. In diesem Moment verlieren wir unsere Lebensläufe, werden zu zwei Polen, die sich in den Gesetzen der Nacht gefunden haben. Es ist dieser Moment des Übergangs, in dem der Raum im Inneren des Wagens zu einer Insel wird. Die Entscheidung fällt ohne Worte. Ein kaum merkliches Nicken. Die Tür öffnet sich. Als ich in den weichen Sitz gleite, bleibt die Welt draußen zurück wie ein abgestreifter Mantel. Das Zuschlagen der Tür klingt endgültig. Hier herinnen herrscht eine künstliche Stille, durchzogen vom leisen Surren der Klimaanlage und dem gedämpften Takt eines Radios.

Während der Wagen anrollt und tiefer in das Labyrinth aus Schatten gleitet, fühle ich mich seltsam abgekoppelt von mir selbst. Der Mann ist nur ein Profil aus Licht und Dunkel. Seine Finger trommeln kurz auf dem Lenkrad. Einmal verfehlen sie den Takt. Wir leihen uns für eine kurze Zeit Identitäten, die wir sonst nicht tragen dürfen. Aus dem Radio dringt eine Stimme, die von Verkehr und Staumeldungen spricht, zu laut für diese Nähe. Er dreht hastig leiser, als hätte ihn etwas ertappt. Er stellt den Motor ab. Für einen Moment läuft das Gebläse weiter, als hätte es nichts bemerkt.

Alles geschieht wie durch Watte, geübt und doch fremd. Kein Austausch, sondern ein Handel mit Sehnsüchten, die im Tageslicht verbrennen würden. Die Umgebung verschwimmt zu einem Tunnel aus Schatten. Es gibt nur noch das Pochen meines Blutes in den Schläfen und sein hastiges Atmen im Halbdunkel. Ich beobachte meine Hände, wie sie mechanisch eine Bewegung ausführen, als gehörten sie einer Fremden. Während er sich in seine kleine Flucht stürzt, drifte ich weg. Ich sehe die gelben Punkte der Straßenlaternen durch die Frontscheibe und fühle mich wie eine Astronautin im schwerelosen Vakuum.

Danach öffnet sich die Tür wieder. Die Kälte schlägt mir entgegen wie eine Ohrfeige. Ich stehe erneut auf dem Asphalt. Das Rücklicht des Wagens schrumpft zu einem roten Punkt und verschwindet. Mit ihm verschwindet auch das, was eben noch den Raum gefüllt hat. Zurück bleibt eine bleierne Stille. Die Straße ist dieselbe, und doch wirkt sie verändert, nackter, feindseliger. Als hätte ich etwas von mir dort drinnen gelassen. Meine Kleidung fühlt sich plötzlich an wie eine Verkleidung, die nicht mehr passt. Ich greife nach meiner Tasche, nur um sicherzugehen, dass ich noch da bin.

Noch gehört die Straße mir. Noch bin ich niemand und alles zugleich. Noch eine Stunde, bis das Grau den Zauber bricht und die Welt wieder beginnt, die Dinge beim Namen zu nennen. Aber jetzt, jetzt regiert noch der Mond, auch wenn sein Licht verbraucht und müde ist. Ich stehe einen Moment im fahlen Licht und warte darauf, dass der Morgen die Spuren dieser Nacht tilgt. Auch wenn ich weiß, dass ich dort in die Eindeutigkeit des Tages erst recht nicht hingehöre. Ein Windstoß fährt mir unter die Kleidung, als hätte sich die Nacht entschieden, mich loszulassen. Irgendwo wird ein Rollladen hochgezogen, Metall auf Metall. Ich drehe mich nicht um. Ich bleibe noch so lange stehen, bis mein Atem nicht mehr auffällt.

Nachtriss