Es schmeckt wie Heimat,
wenn aus den ersten Tropfen
eines Sommerregens
der Duft des alten Lebens steigt,
aus den Kulissen der Kindheit,
wie Theaternebel,
der langsam durch die Gassen zieht.

Daheim, das war
die kleine Wohnung
im einstöckigen Vorstadthaus.
Es steht schon lange nicht mehr.

Daheim, das waren
die Gassen und Trottoirs,
der Schulweg, der sich gern verzögerte,
wenn man noch bleiben wollte,
obwohl es längst Zeit war.

Viele Namen sind verblasst.
Die Bilder und Stimmen verschwommen.
Die Fassaden verputzt und gefärbelt,
Gassen und Trottoirs asphaltiert.

Wenn der Regen auf die Steine fällt,
findet mich das alte Leben.
Für einen Augenblick
ist alles wieder da:
die Gassen, die Stimmen,
der Geruch von Verlorenem.

Wenn der Regen auf die Steine fällt,
und die Stadt nach gestern riecht,
weiß ich plötzlich nicht mehr,
wo die Fremde endet
und das Daheim beginnt.

In den Pfützen erwachen
gespiegelt die grauen Fassaden,
und der Glanz der Neonlichter
zersprüht im Tanz der Tropfen.

Der Regen zeichnet auf die Steine
ferne Erinnerungen,
kaum erwacht
entgleiten sie mir wieder.

Beinahe unhörbar
raunen sie einander
geheimnisvoll Vertrautes zu.

In der Ferne leeren sich die Erinnerungen.
Es sind andere Häuser,
andere Gassen,
andere Menschen.

Es ist ein anderes Leben.

Und doch –
an späten Sommervormittagen,
wenn die Gerüche der Stadt sich regen,
manche schweigsam,
manche schreiend,
da erwachen Kindheit und Schulweg,
da drängt aus Hausfluren, aus Gullys
verloren Geglaubtes.

Woher nur dieser Wunsch,
dass sie mich einmal noch umarmen?

Vielleicht ist es nur der Regen.
Vielleicht nur dieser Geruch,
der für einen Augenblick
weiß, wer ich einmal war.

Wenn der Regen auf die Steine fällt,
findet mich das alte Leben.
Einfach so,
als wäre ich nie fort gewesen.

Wenn der Regen auf die Steine fällt,
wird auch die Fremde zum Daheim.

Und wenn nach dem abendlichen Regenguss
das Blut der Götter verdunstet,
bleibt noch etwas in der Luft.
Wenn der Regen auf die Steine fällt,
bin ich wieder daheim.



Text: W. S. – Er beruht auf dem Gedicht „Petrichor„.
Musikalisches Arrangement: W. S.
Musik: W. S. & Suno


Anmerkung: Petrichor ist der Name für den angenehmen, erdig-frischen Geruch, der entsteht, wenn Regen auf trockenen Boden fällt. Das Wort leitet sich aus dem Griechischen ab: petra steht für „Stein“ und ichor für die Flüssigkeit in den Adern der Götter. Der Geruch besteht chemisch betrachtet aus Geosmin, ein alkoholischer Stoff, der von Bakterien im Boden produziert wird und erdig riecht, und aus einem Öl, das Pflanzen absondern, wenn es trocken ist. Bei Trockenheit wird dieses Öl von Staubpartikeln aufgesaugt und wenn es regnet, verteilt es sich mit Geosmin in der Luft.

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