Nummer Zwei


Alle Songtexte basieren auf eigenen Gedichten bzw. Texten – siehe dazu SONGTEXTE & SONGS – und wurden von mir musikalisch arrangiert und mit KI (Suno) realisiert.


Ich stehe noch

Sie sagten:
Steh aufrecht.

Als könnte man
einen Menschen
mit geraden Linien
erklären.

Ich habe versucht,
eurem Blick
zu entsprechen.

Lange.

Ich stehe noch.

Ich lernte
eure Sprache.

Ich nickte
an den richtigen Stellen.

Ich schwieg,
wenn Schweigen leichter war
als ich selbst.

Und eines Tages
hörte ich mich reden,
ohne mich zu erkennen.

Ich stehe noch.

Man sieht keine Risse,
wenn sie nach innen wachsen.

Nur dieses kleine Zögern,
bevor einer sagt:
»Mir geht es gut.«

Und alle glauben es.

Ich stehe noch.

Heute
muss ich nichts mehr beweisen.

Nicht, dass ich stark bin.
Nicht, dass ich passe.
Nicht einmal,
dass ich recht habe.

Es genügt,
dass ich meine eigene Stimme
wiedererkenne.

Ich stehe noch.

Vielleicht
heißt Aufrechtsein
gar nicht,
niemals
zu fallen.
Vielleicht
heißt es,
sich irgendwann
nicht mehr nach fremden Augen
zu richten.

Ich stehe noch.

Aufrecht

Ich war gedacht
für das gerade Stehen.
Hartnäckige Jahre.
Doch zu wachsam mein Fühlen,
wenn sich der Boden leise verschiebt.

Ich streckte mich vergeblich ins Nichts,
weil da einmal Licht war –
nur ein Versprechen,
aber ich wuchs ihm nach.

Jahre zogen in Ringen
durch meine Haut,
dehnten mich
in jedes nächste Vielleicht.

Ich beugte mich
im Sturm eurer Wünsche,
ließ mich neigen,
nie wissend,
wann der Boden
zum Himmel kippt.

Sie sagten: Bieg dich.
Wer weich ist, bricht nicht.
Aber das Brechen beginnt
nicht mit dem Laut,
sondern dort,
wo etwas lange schweigt.

Manchmal steht der Körper noch
und ist längst gefallen.
Ich lernte,
mich nach den Moden zu richten,
die nie meine waren.

Unter meiner Haut
liegen Geschichten,
die bloß zu Träumen wurden.
Ein Buch aus fremden Lettern,
das niemand lesen wird.

Sie ahnten nichts
von feinen Rissen
zwischen Faser und Faser,
wo das Innere splittert.
Lautlos.

Ich trage Spuren von Dingen,
die nie geschehen sind.
Man nennt das: Überleben.

Ich bin nicht gebrochen –
ich bin nur anders geworden.
Ein Knoten im Holz,
der nicht heilt,
nur hält.

Rinde löst sich
nicht mit einem Schrei,
sondern
in Schichten,
wenn keiner hinsieht.

Und wenn ich jetzt stehe,
dann nicht aus Kraft,
sondern weil etwas in mir
nicht mehr weicht.
Nicht jede Krümmung
meint Rückgrat.

Vielleicht ist es auch das:
Leben –
nicht brechen.
Trotzdem.
Ich bin noch hier.
Aber etwas in mir
liegt tiefer
als der Fall.

Das weiße Zimmer

Das Offensichtliche ist schwer zu sehen.
Viele suchen lieber das Versteckte.
Das tat ich auch.
Ich lauschte den Bäumen.

Sie hatten ein Geheimnis.
Gerade waren sie dabei, es mir zu enthüllen –
doch dann schwiegen sie.

Der Sommer kam.
Und jeder Baum in meiner Straße
hatte seine eigene Scheherazade.
Meine Nächte hörten zu.

Wir drangen ein in dunkle Häuser,
mehr und mehr dunkle Häuser,
verstummt und verlassen.

Die Bäume warten auf die Nacht,
auf ihre wilden Geschichten.
Die Bäume warten auf die Nacht –
und ich mit ihnen.

Da war etwas geschloss’nen Auges,
oben in den Fluren.
Die Furcht davor –
und auch das Staunen hielten mich schlaflos.

„Die Wahrheit ist nackt und kalt“,
sagte die Frau, die immer Weiß trug.
Sie hat ihr Zimmer nie verlassen.

Die Bäume warten auf die Nacht,
auf ihre wilden Geschichten.
Die Bäume warten auf die Nacht –
und ich mit ihnen.

Die Sonne fiel auf ein, zwei Dinge,
die unberührt geblieben waren von der Nacht.
Diese einfachen Dinge.
Diese so einfachen Dinge.

So einfach und offensichtlich.
Sie machten kein Aufhebens.
Es war ein solcher Tag,
den manche als „perfekt“ beschreiben.

Verbergen sich Götter als schwarze Spange,
als kleiner Spiegel,
als Kamm mit einem ausgebroch’nen Zahn?

Nein.
Das kann es nicht gewesen sein.
Bloß Dinge sind sie, so wie sie sind,
nicht glanzvoll,
sondern schweigend im Licht des Tages.

Die Bäume warten auf die Nacht,
auf ihre wilden Geschichten.
Die Bäume warten auf die Nacht –
und ich mit ihnen.

Die Bäume warten auf die Nacht …
und ich mit ihnen.

Das Haus

Festgefügt wie eine Burg,
für eine Ewigkeit errichtet,
anziehend und abweisend,
schützend – und sich verschließend.

Ein Tor steht offen.
Tritt ein. Hör. Sieh.
Große Fenster öffnen sich zur Welt:
„Schau hinaus. So ist die Welt.
Lass sie herein.“

Mich blendet die Helligkeit,
die Pracht lockt und schreckt.
„Komm!“, ruft es von irgendwoher.
„Bleib.“
„Geh – aber vergiss mich nicht.“

So viele Türen,
so viele Räume,
so viele Wege durch die Stille.
Doch irgendwo in diesen Mauern,
hinter Stein und Glas und Zeit,
flüstert eine Stimme:
Du bist nicht weit.

Es umfängt mich kühlende Stille.
Überall Türen.
Hinter welcher soll ich dich suchen?
So viele Räume –
in welchem wirst du mir begegnen?

Zögernd beginne ich meinen Weg,
über die Stufen,
über kalten Marmor,
durch lange, hohe Gänge.

Ängstlich. Behutsam mein Schritt,
um die Stille nicht zu stören.

Türen nur angelehnt.
Sie sagen: „Tritt ein.“

Manche weisen mich zurück:
„Fehlt dir die Kraft?
Fehlt dir der Mut,
mich zu öffnen?“

Manche stehen flehend offen:
„Tritt ein. Zögere nicht.“

So viele Türen,
so viele Räume,
so viele Wege durch die Stille.
Doch irgendwo in diesen Mauern,
hinter Stein und Glas und Zeit,
flüstert eine Stimme:
Du bist nicht weit.

Mancher Raum scheint lange verlassen –
fluchtartig.
Gestern, vor Jahren,
vor Unendlichkeiten.

Manche scheinen,
als hätte sie noch nie
ein Mensch betreten.

Ich wage nicht die Schwelle.
Ich habe Angst,
etwas Kostbares zu zerstören.

Manche Wände sind bedrohlich,
einengend wie Kerkermauern,
kalt und versperrend.

Manche wie in einem Gartenhaus
aus Japan:
Sie trennen nicht.
Sie sind die Fläche unserer Träume.
Sie schützen nicht.
Sie sind verletzlich.

Hinter manchen Türen
klingen Kinderlieder.
Sie verstummen,
wenn ich die Tür öffne.

Ein Nachhall von Musik.
Manchmal.

Ein Glas vibriert.
Eine Saite.

Ein Schreibtisch.
Ein begonnener Brief.

Wird er jemanden erreichen?

Und zwischen den Vorhängen
hängt noch der Duft von Ginster.

Manchmal ein Rascheln
wie von einem Kleid,
das ein Möbelstück berührt.

Oder war es ein Schatten?

Der Widerhall des eigenen Atems?

Ein Band mit einem Schmetterling –
wie vergessen.
Wie eine Fährte.
Für mich?
Für mich,
der dich finden soll?

Eine Perle rollt glänzend
über das Parkett.
War es eine Träne?
Ein Tropfen goldenen Weins?

„Streck die Hand aus!“,
sagt der Stein der Säule.
„Berühr mich.
Lehn dich an mich.
Ich will dich halten.“

Ich wage es nicht.
Mir fehlt der Mut.

Denn wenn ich dich finde –
verliere ich dich dann?

Wie ein Labyrinth
scheint es mir.
Soll ich mich verlieren?
Soll ich immerzu suchen?
Meine Augen sehen dich nicht.
Meine Ohren hören dich nicht.

Doch meine Sehnsucht
tröstet mich.

Du bist das Haus.

Erinnerungen an eine Begegnung

Wir warteten.

Als ich sie ansprach,
lehnte sie sich zögernd
an die Wand neben dem offenen Fenster.

Sie öffnete die Lippen
zu einer Antwort,
die ich kaum verstand.

Ich hörte nur
das Vibrieren ihrer Stimme,
das noch lange
auf dem Heimweg nachklang.

Sie schob die Sonnenbrille
höher hinauf ins Haar.

Und das Spöttische
in ihren Augen
wurde sanfter,
wiegte sich,
wenn sie den Kopf
zur Seite neigte.

Ein Streifen Sonne
fiel auf ihr Knie,
unter dem kurzen,
gelben Rock.

Sie schob das Bein vor
und stützte ihren Fuß
gegen die Wand.

Es war, als böge sich ihr Körper
wie ein Bogen,
unter vibrierender Spannung –

zögernd
und fordernd zugleich.

Wie ein Bogen,
gespannt zwischen
Nähe und Ferne.

Heute suche ich manchmal
die Spuren jener Begegnung
in deinem Gesicht,
in deiner Stimme,
in der Spannung
deines Körpers.

Deine Stimme
ist härter geworden.

Doch manchmal hört mein Herz
noch ihren Nachhall
wie damals.

Deine Augen
sind schmäler geworden
und irren oft
fragend herum.

Suchen sie noch
das flirrende Licht
der ersten Begegnung?

Beugt sich dein Körper
unter einer trauernden Müdigkeit,

die eine stille Sehnsucht
nach der atemlosen Spannung
jenes Tages
in sich birgt?

Wie ein Bogen,
gespannt zwischen
Nähe und Ferne.

Wie ein Bogen,
der sich noch erinnert
an den Augenblick.

Ist die Erinnerung
noch nicht zerbrochen?

Ist der Bogen
noch nicht zerbrochen?

Petrichor

Es schmeckt wie Heimat,
wenn aus den ersten Tropfen
eines Sommerregens
der Duft des alten Lebens steigt,
aus den Kulissen der Kindheit,
wie Theaternebel,
der langsam durch die Gassen zieht.

Daheim, das war
die kleine Wohnung
im einstöckigen Vorstadthaus.
Es steht schon lange nicht mehr.

Daheim, das waren
die Gassen und Trottoirs,
der Schulweg, der sich gern verzögerte,
wenn man noch bleiben wollte,
obwohl es längst Zeit war.

Viele Namen sind verblasst.
Die Bilder und Stimmen verschwommen.
Die Fassaden verputzt und gefärbelt,
Gassen und Trottoirs asphaltiert.

Wenn der Regen auf die Steine fällt,
findet mich das alte Leben.
Für einen Augenblick
ist alles wieder da:
die Gassen, die Stimmen,
der Geruch von Verlorenem.

Wenn der Regen auf die Steine fällt,
und die Stadt nach gestern riecht,
weiß ich plötzlich nicht mehr,
wo die Fremde endet
und das Daheim beginnt.

In den Pfützen erwachen
gespiegelt die grauen Fassaden,
und der Glanz der Neon-Lichter
zersprüht im Tanz der Tropfen.

Der Regen zeichnet auf die Steine
ferne Erinnerungen,
kaum erwacht
entgleiten sie mir wieder.

Beinahe unhörbar
raunen sie einander
geheimnisvoll Vertrautes zu.

In der Ferne leeren sich die Erinnerungen.
Es sind andere Häuser,
andere Gassen,
andere Menschen.

Es ist ein anderes Leben.

Und doch –
an späten Sommervormittagen,
wenn die Gerüche der Stadt sich regen,
manche schweigsam,
manche schreiend,
da erwachen Kindheit und Schulweg,
da drängt aus Hausfluren, aus Gullys
verloren Geglaubtes.

Woher nur dieser Wunsch,
dass sie mich einmal noch umarmen?

Vielleicht ist es nur der Regen.
Vielleicht nur dieser Geruch,
der für einen Augenblick
weiß, wer ich einmal war.

Wenn der Regen auf die Steine fällt,
findet mich das alte Leben.
Einfach so,
als wäre ich nie fort gewesen.

Wenn der Regen auf die Steine fällt,
wird auch die Fremde zum Daheim.

Und wenn nach dem abendlichen Regenguss
das Blut der Götter verdunstet,
bleibt noch etwas in der Luft.
Wenn der Regen auf die Steine fällt,
bin ich wieder daheim.

Der Winter ist der Archivar

Am Rand der Welt
hat die erste Winternacht
die letzten Sätze des Sommers gelöscht.

Dürr gewordene Wörter,
aus dem Schnee gezerrt,
werfen Schatten der Erinnerung.

Die Nacht sät Sterne
auf das vergessene Feld,
und unter dem harten Weiß
liegt noch immer der Fels.

Millionen kleiner Kristalle
tragen das Archiv der Erinnerungen.
Der Wind liest vertraute Namen,
lässt sie nebeneinander stehen

wie Skelette alter Träume,
die sich weigern zu fallen.
Und der Himmel tut so,
als wäre nichts gewesen.

Nicht aus Sehnsucht –
sondern als Beweis
für das Bleiben.

Der Winter ist der Archivar
für das Übersehene.

Der Schnee schreibt Zeichen in die Luft,
der Wind lehnt sich an uns,
als wüsste er mehr.

Der Schatten geht uns voraus,
als kenne er den Weg.
Hinter uns atmet die Zeit.

Das alte Jahr liegt
wie ein vergessenes Lied
unter der Haut.

Wir stehen still,
verwurzelt im Frost.
Unter unseren Schritten
das knirschende Geräusch,

als breche abermals,
was längst tot ist.

Uns bleibt dieses Sehnen
in die innere Ferne,
als Beweis für das Bleiben.

Der Winter ist der Archivar
für das Übersehene.

Ein blauer Riss im Himmel –
mehr Irrtum als Hoffnung.

Wolken türmen sich wartend
und geben doch kein Versprechen.

Der Mond hängt
zwischen kahlen Ästen
und ruft ganz leise:
Komm.

Der Atem füllt die Zwischenräume
zwischen dem, was war,
und unserer Sehnsucht.

Ein Augenblick,
der nichts will,
außer sein.

Und der Himmel tut so,
als wäre nichts gewesen.

Doch der Winter bewahrt,
was wir übersehen haben.

Der Winter ist der Archivar
für das Übersehene.

Vergiss die Spiegel

Wenn du am Abend
in schwüle Cafés trittst,
lichterumwittert,
menschenumsäumt,
vergiss die Spiegel,
die an den Wänden hängen,
stumm und groß
und alles erzählen:

Von Lippen im Lachen,
von leichtem Leben,
von durstigen Küssen
und Mitternachtstränen,
von Meeren, die voll sind
mit Booten und Blumen,
und allem, was war
und niemals vergeht.

Vergiss die Spiegel,
vergiss, was sie sagen.
Sie kennen die Nächte,
doch nicht deine Fragen.
Das Meer bist du selber,
die Seele die Wellen.
Und irgendwo draußen
beginnt schon die Welt.

Das Meer bist du selber,
die Seele die Wellen.
Und kommt ein Segel
dich leise zu lieben,
all deine Träume
mit sich zu nehmen,
dann nimm es zärtlich
und halte es fest.

Und segle mit ihm
auf Sonnen davon,
auf strahlenden Sonnen,
die dich tragen,
solang dir dein Mond
noch gewogen ist,
solang du ihn liebst
und an Träume glaubst.

Vergiss die Spiegel,
vergiss, was sie sagen.
Sie kennen die Nächte,
doch nicht deine Fragen.
Das Meer bist du selber,
die Seele die Wellen.
Und irgendwo draußen
beginnt schon die Welt.

Vergiss auch den Lärm,
vergiss auch das Warten,
die Gedanken, die nächtens
nach deinem Schicksal fragen.
Die Stille kennt Wege,
die keiner dir zeigt,
dorthin, wo die Liebe
sich versteckt und gedeiht.

Und wenn du dann fortziehst
auf leisen Schwingen,
wirst du noch den Wind
in den Segeln erfühlen.
Die Wellen bewahren,
was du losgelassen,
und tragen es fort,
bis du leichter wirst.

Vielleicht ist die Sehnsucht
nur eine kleine Hand,
die dich aus der Dunkelheit
hinaus ins Freie zieht.
Vielleicht ist der Mond
nur ein Licht überm Wasser –
doch solange du ihn liebst,
verlierst du dich nicht.

Vergiss die Spiegel,
vergiss, was sie sagen.
Sie kennen die Nächte,
doch nicht deine Fragen.
Das Meer bist du selber,
die Seele die Wellen.
Und irgendwo draußen
beginnt schon die Welt.

Vergiss die Spiegel …
und geh in die Nacht.
Das Meer bist du selber.
Der Mond hält die Wacht.

Flügel der Erinnerung

Manche Tage öffnen sich wie Früchte,
Worte verstummen und verlieren sich,
doch ein bitterer Geschmack
bleibt tief in dir.

Spuren bleiben versteckt,
solange die Schatten schlafen,
in den Räumen deiner Erinnerung,
so kalt.

Wo die Zeit stillsteht
und doch weiterwächst,
wo etwas bleibt,
das keiner beim Namen kennt.

Ein Streifen Blau,
unendlich weit,
zieht über den Horizont
des Sommerregens.

Und hüllt die Rätsel deines Lebens
in seine Muster ein,
lässt noch das Echo
vergessenen Schmerzes tönen.

Doch hinter dem Nebel
schimmert ein Himmel,
als wollte er sagen:
Vergiss mich nicht.

Sie gleiten,
sie tauchen
durch spielende Winde,
und erinnern an hellere Tage.

Und wenn die Nacht
nun hereinbricht,
wird irgendwo
ein Licht wiederkehren.

Aus dem Dunkel
eines Tunnels aus Blättern
schreibt sich das Licht
in gewebte Hoffnung.

Sie wiegt sich wie Gras
im warmen Wind,
als wären alle Schlachten
längst geschlagen.

Und hoch am Himmel
steigen die Schwalben auf,
ihre Flügel tragen
tröstende Worte zu dir.

Sie gleiten,
sie tauchen
durch spielende Winde,
und erinnern an hellere Tage.

Und wenn die Nacht
nun hereinbricht,
wird irgendwo
ein Licht wiederkehren.

Vielleicht sind Erinnerungen
nur Flügel,
von denen wir manchmal
nicht glauben,
dass sie uns tragen.

Vielleicht nehmen sie uns mit –
gerade dann,
wenn wir ihnen nicht mehr vertrauen.

Hoch über den Dächern
ziehen die Schwalben ihre Kreise,
als wüssten sie längst,
was wir vergessen:

Auch wenn eine Nacht
nun hereinbricht,
wird das Licht
wiederkehren.

Sie gleiten,
sie tauchen
durch spielende Winde.

Und irgendwo
zwischen gestern und morgen
schlägt ein Flügel.

Und das Licht
kehrt doch wieder.

Die Möwen über den Fluss

Die Möwen stehen über dem Fluss im Wind
und halten für einen Augenblick
die Zeit an.

Das Herbstlicht ist müde
und verliert sich
im Grau ihres Gefieders.

Was vorüber war,
steigt langsam wieder auf,
in Wolken, die sich schichten,
in Bildern ohne Namen.

Und aus der Dämmerung
kommt diese fremde Sanftheit
deiner Augen –
als könntest du noch einmal
dein altes Leben berühren.

Möwen über dem Fluss,
Möwen über dem Wasser,
sie kommen und fliegen davon.
Manche rücken näher zusammen,
manche ziehen ihre Kreise,
manche suchen das andere Ufer.

Möwen über dem Fluss,
und ich weiß nicht, wohin
die Erinnerung zieht.
Nur der Wind weiß noch,
was bleibt,
wenn die Zeit weiterfließt.

Am Rande unsres Weges
tummeln sich die Illusionen
wie geschwätzige Möwen
am abendlichen Pier.

Wenn wir ihnen nahekommen,
fliegen sie ängstlich auf
und kreisen suchend
über dem dunklen Wasser.

Nur manche von den alten
lassen sich nicht vertreiben.
Sie sitzen still am Ufer
und sehen uns an
aus blinden Augen,
als könnten sie noch immer
unsre Trauer spüren.

Möwen über dem Fluss,
Möwen über dem Wasser,
sie kommen und fliegen davon.
Manche rücken näher zusammen,
manche ziehen ihre Kreise,
manche suchen das andere Ufer.

Möwen über dem Fluss,
und ich weiß nicht, wohin
die Erinnerung zieht.
Nur der Wind weiß noch,
was bleibt,
wenn die Zeit weiterfließt.

Aufgereiht wie die Möwen
am Ufer des Flusses
stehen die Erinnerungen
am Ufer des Lebens.

Aus der Ferne
gleichen sie einander,
wie Wellen im Kies,
die kommen und gehen.

Und wenn ein träges Schiff
ihr geschäftiges Treiben stört,
fliegen manche kurz auf
und tauschen die Plätze.

Ein Tanz von Kommen und Fliehen.

Träger Strom
der tanzenden Möwen –
wohin trägst du das Heute?

Das Gestern schläft längst
im kühlen Bett
der dunklen Tiefe.

Und selbst ihr seltener Schrei
vermag das Gestern nicht mehr
aus dem Nichts zu rufen.

Nur Schatten flimmern
über dem Wasser,
und irgendwo dahinter
schweigt schon die Nacht.

Möwen über dem Fluss,
Möwen über dem Wasser,
sie kommen und fliegen davon.

Manche suchen das andere Ufer,
manche bleiben im Wind,
manche kehren niemals wieder.

Möwen über dem Fluss –
und vielleicht ist es genug,
dass sie noch einmal kommen.

Denn was wir verloren,
fliegt manchmal noch neben uns her,
solange der Fluss
unsere Namen kennt.

Die Nacht legt ihre schwarzen Flügel
über das Wasser.

Und irgendwo im ersten Licht
beginnen die Möwen
wieder zu kreisen.

Kommen und fliehen.
Kommen und fliehen.

Der Fluss fließt weiter.

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