Nummer zwei

Festgefügt wie eine Burg,
für eine Ewigkeit errichtet,
anziehend und abweisend,
schützend – und sich verschließend.

Ein Tor steht offen.
Tritt ein. Hör. Sieh.
Große Fenster öffnen sich zur Welt:
„Schau hinaus. So ist die Welt.
Lass sie herein.“

Mich blendet die Helligkeit,
die Pracht lockt und schreckt.
„Komm!“, ruft es von irgendwoher.
„Bleib.“
„Geh – aber vergiss mich nicht.“

So viele Türen,
so viele Räume,
so viele Wege durch die Stille.
Doch irgendwo in diesen Mauern,
hinter Stein und Glas und Zeit,
flüstert eine Stimme:
Du bist nicht weit.

Es umfängt mich kühlende Stille.
Überall Türen.
Hinter welcher soll ich dich suchen?
So viele Räume –
in welchem wirst du mir begegnen?

Zögernd beginne ich meinen Weg,
über die Stufen,
über kalten Marmor,
durch lange, hohe Gänge.

Ängstlich. Behutsam mein Schritt,
um die Stille nicht zu stören.

Türen nur angelehnt.
Sie sagen: „Tritt ein.“

Manche weisen mich zurück:
„Fehlt dir die Kraft?
Fehlt dir der Mut,
mich zu öffnen?“

Manche stehen flehend offen:
„Tritt ein. Zögere nicht.“

So viele Türen,
so viele Räume,
so viele Wege durch die Stille.
Doch irgendwo in diesen Mauern,
hinter Stein und Glas und Zeit,
flüstert eine Stimme:
Du bist nicht weit.

Mancher Raum scheint lange verlassen –
fluchtartig.
Gestern, vor Jahren,
vor Unendlichkeiten.

Manche scheinen,
als hätte sie noch nie
ein Mensch betreten.

Ich wage nicht die Schwelle.
Ich habe Angst,
etwas Kostbares zu zerstören.

Manche Wände sind bedrohlich,
einengend wie Kerkermauern,
kalt und versperrend.

Manche wie in einem Gartenhaus
aus Japan:
Sie trennen nicht.
Sie sind die Fläche unserer Träume.
Sie schützen nicht.
Sie sind verletzlich.

Hinter manchen Türen
klingen Kinderlieder.
Sie verstummen,
wenn ich die Tür öffne.

Ein Nachhall von Musik.
Manchmal.

Ein Glas vibriert.
Eine Saite.

Ein Schreibtisch.
Ein begonnener Brief.

Wird er jemanden erreichen?

Und zwischen den Vorhängen
hängt noch der Duft von Ginster.

Manchmal ein Rascheln
wie von einem Kleid,
das ein Möbelstück berührt.

Oder war es ein Schatten?

Der Widerhall des eigenen Atems?

Ein Band mit einem Schmetterling –
wie vergessen.
Wie eine Fährte.
Für mich?
Für mich,
der dich finden soll?

Eine Perle rollt glänzend
über das Parkett.
War es eine Träne?
Ein Tropfen goldenen Weins?

„Streck die Hand aus!“,
sagt der Stein der Säule.
„Berühr mich.
Lehn dich an mich.
Ich will dich halten.“

Ich wage es nicht.
Mir fehlt der Mut.

Denn wenn ich dich finde –
verliere ich dich dann?

Wie ein Labyrinth
scheint es mir.
Soll ich mich verlieren?
Soll ich immerzu suchen?
Meine Augen sehen dich nicht.
Meine Ohren hören dich nicht.

Doch meine Sehnsucht
tröstet mich.

Du bist das Haus.



Text: W. S. – Er beruht auf dem Gedicht „Das Haus„.
Musikalisches Arrangement: W. S.
Musik: W. S. & Suno

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