Ich kannte dich nicht
durch eine Berührung,
nicht durch ein Bild.
Ich kannte dich
durch ein Schweigen
hinter der Küchentür,
durch Tränen,
die meine Mutter
vor mir verbarg.
Ich wusste nicht,
wer du warst.
Nur, dass du fehltest.
Du warst eine Geschichte,
die man nicht erzählte.
Du warst die Tür,
an die man nicht klopfte.
Du warst die Frage,
die man nicht stellte.
Du warst zwei Jahre alt,
als du gegangen bist.
Und ich blieb.
Vielleicht hielt man mich fest,
weil man dich
nicht halten konnte.
Nicht klettern.
Nicht springen.
Nicht zu schnell laufen.
Immer eine Hand
am Geländer.
Ich spüre noch heute
das kalte Metall.
Und du warst da,
eine Hand am Geländer,
die mich hielt.
Du hast mir gefehlt
mein Leben lang.
Und vielleicht warst du
gerade deshalb
immer bei mir.
Nur Großvater ließ mich steigen,
wenn die Kirschen reif waren.
Auch wenn die Leiter schwankte,
sagte ich zu Hause nichts.
Ein kleines Wagnis,
für kurze Zeit geliehen.
Später suchte ich immer
zuerst nach dem Geländer:
in einer neuen Schule,
in einer fremden Stadt,
bei einer Frau,
die ich liebte.
Ob das gutgeht?
Ob ich sicher bin?
Als müsste das Leben
vorher versprechen,
dass nichts zerbricht.
Manchmal denke ich,
wir wären zusammen aufgewachsen.
Vielleicht hättest du mich ausgelacht,
wenn ich zu vorsichtig war.
Vielleicht hättest du gesagt:
Komm,
es wird schon gehen.
Vielleicht wäre ich gefallen.
Du hättest mir aufgeholfen.
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur:
Du bist gegangen,
und trotzdem:
habe ich dich nie ganz verloren.
Denn du bist da,
obwohl du nicht da bist,
eine Hand am Geländer,
die mich hält.
Nicht mehr aus Angst,
nicht mehr aus Sorge –
nur wie ein Zeichen:
Geh nur.
Du hast mir gefehlt
mein Leben lang.
Und wenn ich heute springe,
wenn ich den Boden
nicht mehr prüfe,
dann bist vielleicht du es,
die mich loslässt.
Ich kannte dich nicht
durch eine Berührung.
Und doch
warst du da.
Eine Hand am Geländer,
die mich hielt.
Eine Hand,
die mich irgendwann
losließ.
Und mich immer noch hält.
Gedicht und Songtext entstanden nach der Geschichte „Christerl„.
Musikalisches Arrangement: W. S.
Musik: W. S. & Suno
Bild: Detail einer Aquarell-Demo von Chien Chung-Wei.