Ich kannte dich nicht
durch eine Berührung,
nicht durch ein Bild.

Ich kannte dich
durch ein Schweigen
hinter der Küchentür,
durch Tränen,
die meine Mutter
vor mir verbarg.

Ich wusste nicht,
wer du warst.
Nur, dass du fehltest.

Und trotzdem
war ich da.

Du warst eine Geschichte,
die man nicht erzählte.
Du warst die Tür,
an die man nicht klopfte.
Du warst die Frage,
die man nicht stellte.

Du warst zwei Jahre alt,
als du gegangen bist.

Und ich blieb.

Vielleicht hielt man mich fest,
weil man dich
nicht halten konnte.

Nicht klettern.
Nicht springen.
Nicht zu schnell laufen.

Auf der Stiege
immer eine Hand
am Geländer.

Ich spüre noch heute
das kalte Metall.

Ihr hattet doch nur Angst,
mich noch einmal zu verlieren.

Ich durfte nicht
auf den Baum im Hof.

Zu hart der Beton.
Zu unsicher die Äste.

Ich sollte gehen,
nicht laufen.
Prüfen,
nicht springen.
Festhalten,
nicht greifen.

Nur Großvater
ließ mich steigen,
wenn die Kirschen reif waren.

Die Leiter schwankte
unter meinen Füßen.

Ich sagte zu Hause nichts.

Es war ein kleines Wagnis,
für kurze Zeit geliehen.

Und wenn ich dabei gewesen wäre?

Hättest du mich
mitgenommen?

Später blieb das Geländer.

Beim Wechsel
in eine neue Schule:
Schaffst du das?

Beim Gedanken
an eine fremde Stadt:
Ist das nicht zu riskant?

Bei einer Frau,
die ich liebte:
Bist du ganz sicher?

Ganz sicher.

Als gäbe es das.

Selbst wenn ich glücklich war,
wartete ich manchmal
auf das Brechen.

Auf Metall auf Beton.
Auf das Knirschen
eines Pedals.

Als müsste das Leben
vorher versprechen,
dass nichts zerbricht.

Vielleicht musst du
nicht immer wissen,
ob du sicher bist.

Und du warst da,
obwohl du nicht da warst,
eine Hand am Geländer,
die mich hielt.

Ich war bei dir.

Du hast mir gefehlt
mein Leben lang.

Und trotzdem
war ich immer bei dir.

Manchmal denke ich,
wir wären zusammen aufgewachsen.

Vielleicht hättest du mich ausgelacht,
wenn ich zu vorsichtig war.

Vielleicht hätte ich gesagt:

Komm.
Es wird schon gehen.

Vielleicht wäre ich gefallen.

Ich hätte dir aufgeholfen.

Ich weiß es nicht.

Das macht nichts.

Ich weiß nur:
Du bist gegangen,
bevor ich dich kennenlernen konnte –
und trotzdem
habe ich dich nie ganz verloren.

Denn du bist da,
obwohl du nicht da bist,
eine Hand am Geländer,
die mich hält.

Nicht mehr aus Angst.

Nicht mehr aus Sorge.

Nur wie ein Zeichen:

Geh nur.

Du hast mir gefehlt
mein Leben lang.

Und wenn ich heute springe,
wenn ich den Boden
nicht mehr prüfe …

Dann spring.

Eine Hand am Geländer,
die mich hielt.

Eine Hand,
die dich irgendwann
losließ.

Und mich immer noch hält.

Ich bin doch da.



Gedicht und Songtext entstanden nach der Geschichte „Christerl„.
Musikalisches Arrangement: W. S.
Musik: W. S. & Suno

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