Der Begriff „Verinnerung“ begegnet in der Literatur- und Geistesgeschichte vor allem in zwei spezifischen Kontexten: in der Literaturwissenschaft/Essayistik als Epochenbegriff sowie in der Philosophie und Mystik als Begriffsetymologie.

Literaturwissenschaft: Erich von Kahler und die „Verinnerung des Erzählens“

Die bedeutendste literaturwissenschaftliche Stelle stammt von dem Soziologen und Kulturphilosophen Erich von Kahler (1885–1970). In seinen Werken zur Literaturgeschichte (u. a. Untergang der Philosophie und Studien zur Moderne) prägte er die Wendung „Verinnerung des Erzählens“: Kahler beschreibt damit den Wandel des Romans und der Erzählkunst um 1900 (z. B. bei Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Marcel Proust oder Virginia Woolf). Die Literatur schildert nicht mehr primär äußere, faktische Handlungen und Abenteuer, sondern zieht sich radikal in die Innenwelt, das Bewusstsein, die Erinnerungen und die Wahrnehmung der Figuren zurück. Dieser Ausdruck wird daher bis heute in der Germanistik zitiert, wenn es um den Übergang vom Realismus zur literarischen Moderne geht.

Philosophie & Dialektik: Hegel und die „Er-Innerung“

In der Philosophie – insbesondere im Deutschen Idealismus bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel – taucht das Wort auf, um ein sprachliches Wortspiel zwischen Erinnerung und Verinnerung deutlich zu machen: Hegel deutet das Wort „Er-Innerung“ wörtlich als Prozess der „Verinnerung“: Das Äußere (ein Objekt, ein Erlebnis oder die Geschichte) wird vom Geist aufgenommen und in das eigene „Innere“ überführt. In philosophischen Kommentaren (etwa zu Meister Eckhart, Hegel oder Peter Handke) wird „Verinnerung“ oft als erklärendes Synonym genutzt, um zu betonen, dass Erinnern kein passives Abspeichern ist, sondern ein aktives In-sich-Hineinnehmen.

Mystik und Romantik

In Texten der deutschen Mystik (in der Tradition von Meister Eckhart) sowie der Romantik taucht „Verinnerung“ gelegentlich als Gegenbegriff zur „Entäußerung“ oder „Veräußerlichung“ auf: Es meint die Einkehr der Seele in sich selbst, das Abwenden von der materiellen Welt hin zum göttlichen oder geistigen Kern im Inneren.

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