Wenn Gerald an seine Kindheit denkt, fällt ihm zuerst kein Mensch ein und auch kein bestimmter Ort. Es ist ein Teller. Er weiß nicht mehr, in welchem Zimmer er stand, wie der Tisch aussah oder ob draußen die Sonne schien. Aber der Teller ist noch da, irgendwo in seinem Gedächtnis, und auf ihm liegt Reisfleisch. Fleisch hat Gerald als Kind gehasst, und seine Mutti, die eigentlich seine Großmutter war, konnte das nicht verstehen oder wollte es nicht verstehen. Ein dünnes Kind musste essen, und ein dünnes Kind musste vor allem Fleisch essen. Also blieb er vor seinem Teller sitzen. Es war ein Kampf, der sich manchmal über Stunden hinzog und bei dem beide Seiten ihre eigene Form von Geduld entwickelten. Mutti wartete darauf, dass er endlich aß, Gerald darauf, dass sie irgendwann aufgab. Das Essen wurde dabei kalt und wieder aufgewärmt, manchmal ein zweites Mal, gelegentlich wohl auch ein drittes. Besonders das Reisfleisch ist ihm geblieben, obwohl er sich nicht mehr daran erinnern kann, wie es eigentlich geschmeckt hat. Vielleicht ist das bezeichnend: Nicht der Geschmack ist geblieben, sondern die Situation.
Mehr als sechzig Jahre später kommt es manchmal vor, dass Gerald vor einem Teller sitzt und plötzlich etwas von diesem alten Gefühl wieder da ist. Er weiß dann genau, dass niemand mehr von ihm verlangt, aufzuessen. Er kann jederzeit aufstehen, den Teller stehen lassen oder das Essen wegwerfen. Niemand wartet auf seinen ersten Bissen. Und doch ist da für einen Moment eine merkwürdige Spannung, die er mit dem Verstand nicht erklären kann. Es ist, als hätte der Teller etwas von damals behalten. Als wäre in ihm nicht nur Essen gewesen, sondern auch das lange Warten, die Forderung, der Widerstand und die Erkenntnis, dass man als Kind nur sehr wenige Möglichkeiten hat, über sein eigenes Leben zu bestimmen.
Vielleicht sind es gerade solche kleinen Dinge, die sich tiefer einprägen als die großen Ereignisse. Seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend sind ohnehin keine zusammenhängende Geschichte. Sie bestehen aus einzelnen Bildern, zwischen denen vieles fehlt. Ein Gesicht hier, eine Stimme dort, ein Zimmer, eine Straße, ein Nachmittag, an dessen Anfang und Ende er sich nicht erinnern kann. Erst ungefähr ab seinem siebzehnten Lebensjahr werden die Erinnerungen dichter und folgen einander, als hätten sie von da an beschlossen, zusammenzuarbeiten. Davor liegen große Lücken. Manchmal fragt er sich, ob seine Kindheit tatsächlich so fragmentarisch war oder ob nur sein Gedächtnis sie im Laufe der Jahrzehnte so zugerichtet hat.
Er stellt sich das Vergessen manchmal als eine kleine Maus vor. Sie läuft durch die Räume der Vergangenheit und knabbert an allem, was sie findet. Sie nimmt nicht nur die unangenehmen Dinge mit. Sie macht keinen Unterschied zwischen einem schönen Nachmittag und einer Nacht, die man lieber vergessen hätte. Ein Gesicht wird undeutlich, ein Name verschwindet, ein ganzes Jahr schrumpft auf einen einzigen Satz zusammen. Knabber, knabber, und wieder ist ein Stück weg. Vielleicht ist das sogar notwendig. Kein Mensch könnte sein ganzes Leben in voller Schärfe mit sich herumtragen. Aber die Maus arbeitet nicht nach einem Plan, und manchmal lässt sie ausgerechnet das liegen, was man längst für erledigt hielt.
Bei Gerald ist es ein Geruch.
Der Geruch eines Badezimmers kann ihn noch heute unvermittelt in eine Zeit zurückbringen, die eigentlich weit hinter ihm liegt. Nicht irgendein Badezimmer, sondern das Badezimmer des Josefinums. Er erinnert sich an die vielen Waschbecken, an die gekennzeichneten Utensilien, an diese eigentümliche Ordnung, in der selbst die einfachsten Dinge ihren festen Platz hatten. Vor allem aber erinnert er sich an die Einsamkeit inmitten der Gemeinschaft. Das ist vielleicht das Merkwürdigste an dieser Erinnerung: Man war nie wirklich allein und konnte sich doch sehr allein fühlen.
Manchmal mussten sie nachts Strafen absitzen. Eine davon bestand darin, das große Einmaleins auswendig zu lernen, ohne schriftliche Hilfsmittel. Gerald weiß heute nicht mehr, was der Anlass gewesen war. Er weiß nicht mehr, wer die Strafe verhängt hatte und wie lange er dort saß. Vieles, was zu dieser Nacht gehört haben müsste, hat die Maus längst weggetragen. Aber die Zahlen sind geblieben. Sieben mal acht, acht mal neun, neun mal sechs. Und der Geruch. Der Geruch ist geblieben.
Das erstaunt ihn noch immer. Von der eigentlichen Geschichte ist fast nichts mehr vorhanden, aber ein Badezimmergeruch kann Jahrzehnte überdauern. Er muss nur irgendwo auftauchen, und für einen kurzen Moment verändert sich die Gegenwart. Natürlich weiß Gerald, dass er nicht mehr im Josefinum sitzt. Er weiß, dass die Waschbecken verschwunden sind, dass die Nacht vorbei ist und dass niemand mehr darauf wartet, ob er das große Einmaleins beherrscht. Aber das Wissen kommt manchmal einen Augenblick später als der Geruch.
Vielleicht liegt darin etwas von dem, was Erinnerung tatsächlich ist. Sie bewahrt nicht unbedingt die Ereignisse auf, sondern manchmal nur das, was sich ihnen angeschlossen hat. Ein Geruch, eine Zahl, ein Teller. Der Verstand kann längst wissen, dass etwas vorbei ist, während eine andere, ältere Schicht des Menschen diese Nachricht noch nicht erhalten hat.
Gerald hat lange versucht, aus diesen Dingen eine Geschichte zu machen. Aber je länger er darüber nachdenkt, desto vorsichtiger wird er mit solchen Geschichten. Er weiß nicht mehr genug, um die Lücken zuverlässig zu füllen. Vielleicht wäre es sogar falsch, sie zu füllen. Was er noch weiß, soll bleiben, wie es ist: ein dünner Junge, der kein Fleisch mochte und stundenlang vor seinem Teller sitzen konnte; ein Jugendlicher, der nachts das große Einmaleins aufsagen musste; ein Badezimmer mit vielen Waschbecken; der seltsame Geruch von Wasser und Seife; das Gefühl, in einer Gemeinschaft allein zu sein.
Und dahinter immer wieder dieselbe Frage: Wer war ich damals?
Er findet darauf keine klare Antwort. Vielleicht war er einfach ein Kind, das auf seine Weise versuchte, sich einen kleinen Bereich zu bewahren, über den noch jemand anderes nicht bestimmen konnte. Vielleicht war das Sitzenbleiben vor dem Teller gar keine bewusste Auflehnung, sondern nur die einzige Möglichkeit, die ihm einfiel. Vielleicht hat er erst viel später verstanden, dass auch ein geschlossen gehaltener Mund eine Form von Selbstbehauptung sein kann. Ob das wirklich so war, weiß er nicht.
Das ist das Schwierige an Erinnerungen: Man kann sie nicht mehr befragen. Man kann nur vor ihnen sitzen, so wie er damals vor seinem Teller saß, und warten, was von ihnen übrig bleibt. Manchmal kommt der Geruch zurück. Manchmal taucht eine Zahl auf. Manchmal steht er in der Küche und merkt plötzlich, dass er vor einem Teller zögert, ohne zu wissen, warum. Dann ist die Maus wieder da. Sie hat inzwischen fast alles weggeknabbert, was zwischen diesen einzelnen Bildern lag. Aber sie hat den Teller nicht geschafft. Auch den Geruch nicht. Und die Zahlen sind noch da. Vielleicht ist das alles, was von einer Kindheit nach mehr als sechzig Jahren übrig bleiben muss.
Nicht die ganze Geschichte. Nur das, was die Maus übrig lässt.
Verfasst von ChatGPT.