„Hab mich gern!“, sagte mein Schutzengel, zog sich beleidigt auf seine Wolke zurück, verschränkte die Hände und rollte die Augen gen Himmel, wie ein überengagierter Statist aus dem Barockfresko einer katholischen Kirche. Dieses Ritual vollzieht er zuverlässig, sobald er sich gekränkt fühlt. In solchen Momenten helfen weder Beschwichtigungen noch halbherzige Rückzieher. Dann ist er fest entschlossen, beleidigt zu bleiben. Steigert sich die Angelegenheit, stimmt er sogar ein „Halleluja“ an – ein akustisches Ereignis, das jeden Zweifel daran beseitigt, dass himmlischer Engelsgesang zu den hartnäckigsten Fehlinformationen der Kirchengeschichte gehört.
Diesmal jedoch kehrte er nicht auf seine reguläre Wolke zurück – Nummer 17-11-47, dienstlich zugewiesen im Zuge der himmlischen Verwaltungsreform –, sondern driftete seitlich ab, dorthin, wo die Ordnung nachlässiger wird. Die Wolken standen dichter, die Nummern wirkten, als hätte jemand später noch etwas ergänzt. Für einen Moment meinte ich, ein kleines „a“ zu erkennen, angehängt an die mir vertraute Ziffernfolge – wie ein Nachtrag, den niemand offiziell genehmigt hat, der aber trotzdem existiert.
Ein persönlicher Engel ist im Alltag praktisch. Kaum gerät man bei einem Vorhaben ins Stocken, flattert er herbei: „Mein Vorgesetzter meint, ich soll dich unterstützen. Worum geht’s?“ Ich schicke ihn meist wieder fort, zurück auf seine Wolke. Nicht aus Undankbarkeit, sondern aus einer gewissen Prinzipientreue: Wer Fehler macht, sollte sie auch selbst verantworten dürfen. Außerdem hat jeder Engel ohnehin genug mit seiner eigenen Bürokratie zu tun – Wolkennummern, Zuständigkeiten, Zuständigkeitskonflikte. Seit 1517 ist das alles einigermaßen geregelt, zumindest auf dem Papier. Mein Engel hat das einst in der Schule gelernt.
Ja, Engel gehen zur Schule. Parallel zu uns Menschen, gewissermaßen im Schattenbetrieb. Früher, in den Klosterschulen, saßen sie auf den Schultern ihrer Schützlinge und lernten mit. Helfen war erlaubt, Einsagen strikt verboten. Ein Verstoß führte unweigerlich zu disziplinarischen Maßnahmen: Strafwolke, Schiefertafel, hundertfaches Abschreiben von „Ich darf nicht einsagen!“, am Ende regelmäßig von kurzen Regenschauern ausgelöscht, sodass sie erneut beginnen mussten. Anschließend ein Aufenthalt in der Hölle zum Trocknen – „didaktisch konsequent, klimatisch unerquicklich“, wie mein Engel einmal bemerkte.
Diesmal allerdings war seine Verstimmung von anderer Qualität. Schon im Abflug hatte er sein Halleluja angestimmt, und ich wusste, dass es ernst war. Ich hatte beschlossen, mich von meiner Partnerin zu trennen. Zu oft enttäuscht, so erklärte ich es mir. Wobei sich diese Erklärung nicht ganz widerspruchsfrei anfühlte.
Ein Gespräch war mit meinem Schutzengel nicht möglich. „Für Trennungen sind wir nicht zuständig“, erklärte er kühl. „Versuch’s bei der Gegenseite.“
Bei Liebeskummer versagen Engel ohnehin regelmäßig. Sie reagieren mit sentimentaler Überforderung, gelegentlich auch mit handfesten Auseinandersetzungen mit fremden Schutzengeln – vorausgesetzt, die Gegenseite verfügt über einen. Evangelische etwa haben keinen, sondern lediglich einen Bibelspruch. Funktional ähnlich, emotional deutlich unterausgestattet.
Ich dagegen verlor den Halt. Nicht metaphorisch, sondern ziemlich konkret. Ich fiel. Durch Schichten geordneter Zuständigkeit, vorbei an sauber katalogisierten Wolken, hinein in Zonen wachsender Unschärfe. Irgendwo am Rand meines Sturzes blitzte noch einmal dieses kleine „a“ auf – ein Hinweis darauf, dass es offenbar Zustände gibt, die sich nicht eindeutig lokalisieren lassen.
Dann kam ich unten an.
In der Hölle.
Dort erwartete mich mein persönlicher Teufel. Er saß auf seinem Glutnest, das ordentlich beschriftet war mit der invertierten Nummer 74-11-71, und begrüßte mich mit einem Lächeln von bestechender Professionalität. Teufel sind im Erstkontakt deutlich besser geschult.
„Retaliation in kind“, sagte er und schob mir einen Vertrag zu. „Bewährtes Modell. Klar, effizient, ohne langfristige Komplikationen. Derzeit im Sonderangebot.“
Er reichte mir eine goldene Füllfeder, die sich bei genauerem Hinsehen als tragbarer Flammenwerfer entpuppte. Ich nahm sie trotzdem. Die Alternative wäre gewesen, sie nicht zu nehmen, und dafür war es in diesem Moment zu heiß. Ich setzte zur Unterschrift an – und bemerkte unterhalb der Signaturzeile einen flirrenden Schatten.
„Das?“, fragte ich.
„Standardklauseln“, sagte er. „Reine Formsache.“
Ich zögerte. Nicht aus Tugend, sondern aus Gewohnheit. Misstrauen ist, wenn man so will, meine stabilste Charaktereigenschaft.
„Unterschreib nicht!“, drang plötzlich eine Stimme zu mir durch, gedämpft, als käme sie aus einer anderen Abteilung der Wirklichkeit. Mein Schutzengel.
Ich verlangte Licht. Der Teufel verstand den Sinn der Anfrage nicht, kam ihr aber nach. Während ich las, stieß ich auf Begriffe wie „endgültig“, „unumkehrbar“ und „rückwirkende Entwertung“. Formulierungen, die man besser nicht unterschreibt, ohne sie zumindest zur Kenntnis genommen zu haben.
Ich klappte den Vertrag zu. „Ich nehme ihn mit, um ihn bei Tageslicht zu prüfen.“
Der Teufel lächelte schmal. „Morgen könnte das Angebot nicht mehr gelten.“
„Dann ist das halt so“, sagte ich.
Da Teufel dazu angehalten sind, keine physische Gewalt anzuwenden, stimmte er achselzuckend zu. Der Rückweg erwies sich als unerquicklich. Ein alter Lift, der regelmäßig stehen blieb, untermalt von jener sanften Hintergrundmusik aus Kaufhäusern, die erfahrungsgemäß dazu dient, falsche oder überflüssige Kaufentscheidungen angenehm erscheinen zu lassen.
Als ich oben ankam, wartete mein Engel bereits. Nicht ganz an seinem alten Platz, eher irgendwo dazwischen. Ein Provisorium mit unklarer Zuständigkeit.
„Gott sei Dank!“ sagte er stilsicher.
Dann zeigte er auf die Flecken rundum.
„Und jetzt?“, fragte ich.
Mein Engel sah mich an, als hätte ich ihm eine Frage gestellt, die im Lehrplan nicht vorgesehen war. „Keine Ahnung“, sagte er schließlich.
Die Flecken erinnerten mich an eine frühe Begegnung mit meinem Schutzengel in der Kindheit. Eines Abends kroch ich unter die Tuchent und zog heimlich eine Tafel Schokolade hervor, die ich am Nachmittag in einem Laden hatte mitgehen lassen. Das Stanniolpapier öffnete ich so vorsichtig wie möglich, als könnte ich damit auch sein Sehen und Hören umgehen. Schließlich hing über meinem Bett sein Bild, wie er mich über eine schmale Brücke führt, unter der ein Bach tobt – eine ständige Mahnung. Doch kaum hatte es leise geknistert, war er da – ein Flügelschlag am Ohr, dann seine Stimme, scharf und unnachgiebig:
„Schämst du dich denn gar nicht? Du machst Schokoladeflecken ins Leintuch – und deine Mutter kann sie wieder auswaschen!“
Beschämt wollte ich die Schokolade wieder einwickeln, die Tat ungeschehen machen, zumindest andeuten, dass ich es könnte. Doch da wurde seine Stimme plötzlich milder.
„Komm“, sagte er, „lass mich.“
Er brach ein Stück ab, steckte es sich selbst in den Mund, als wäre das Teil einer seltsamen Beweisführung.
„Willst du auch?“, fragte er dann. „Die ist ohnehin hinüber. Zurücktragen kannst du sie nicht mehr.“
Wir aßen sie gemeinsam, heimlich und hastig. Er schob mir die Stücke beinahe spielerisch zu, fing die schmelzenden Ränder ab, noch bevor sie tropfen konnten. Unter der warmen Decke wurde die Schokolade weich, gefährlich weich – doch kein Fleck entstand.
Engel, dachte ich damals, machen keine Flecken. Sie sind dafür da, sie zu verhindern.
Umso befremdlicher war es in diesem Augenblick, als alles um mich herum voller Flecken war. Es waren keine einzelnen, klar begrenzten Spuren, die man hätte wegwaschen können, sondern ein ganzes Feld aus dunklen, ineinander verlaufenden Rändern. Als hätte jemand einen übervollen Ballon platzen lassen – gefüllt mit all dem, was sich im Laufe eines Lebens ansammelt: kleine Nachlässigkeiten, achtlose Worte, stille Kränkungen, bequeme Blindheit, grundlose Eifersucht, Zorn über Belangloses. Jeder einzelne Fleck für sich unbedeutend. Zusammen jedoch eine Schicht, die sich über alles legte. Ich fand keinen Platz mehr, wohin ich treten konnte, ohne erneut in etwas zu geraten, das noch nicht getrocknet war. Ich stand mitten darin – ernüchtert, ratlos, beinahe verzweifelt.
„Du willst den Vertrag doch nicht wirklich unterschreiben“, sagte er schließlich. „Das ist nicht dein Stil.“
Ich sah ihn an.
„Warum nicht? Schließlich ist doch die Hälfte der Flecken nicht von mir. Eigentlich mehr als die Hälfte. Warum sollte ich nicht zurückzahlen? Hast du etwas Besseres anzubieten?“
Wir schwiegen.
Dann verschwand er – und kam kurz darauf zurück, diesmal nicht allein. Ein zweiter Engel betrachtete mich mit einer Mischung aus Skepsis und dienstlichem Interesse.
„Der also“, sagte er. „Sieht reparaturbedürftig aus.“
„Zuständigkeitsüberschneidung“, erklärte mein Engel knapp. „Sonderregelung.“
Der andere zögerte, nickte dann aber. Bürokratie funktioniert offenbar auch jenseits klarer Glaubensgrenzen.
Mein Engel drückte mir einen Wischmopp in die Hand.
„Ich habe oben jemanden mobilisiert“, sagte er mit einem Anflug von Stolz. „Jetzt wird gearbeitet.“
Der Ton ließ keinen Widerspruch zu. Es war bemerkenswert: In entscheidenden Momenten konnte er ausgesprochen unengelhaft entschieden sein. Ich sah noch einmal hinauf, dorthin, wo die Wolken dichter standen und die Nummern unsauber wurden. Dann begann ich gemeinsam mit den beiden zu putzen.
Was bleibt mir auch anderes übrig?
Veröffentlicht im Buch zum Literaturwettbewerb der Stadtgemeinde Feldbach 2026 mit dem Titel „Wolke 7a“ auf den Seiten 105-108.